1. Peg

»Hey, Mom! Was ist los?«
Meine Mom rief mich nie während der Arbeit an, sie wusste, dass ich in der Zeit anderes um die Ohren hatte. Dass sie es trotzdem tat, war kein gutes Zeichen.
»Tut mir leid, Schatz, dass ich dich störe, aber -«
»Mom, du störst nicht. Was ist los?«, hakte ich alarmiert nach. Sie hörte sich schwach an. Panik kroch mir den Nacken rauf.
»Also, der Arzttermin heute … Nun, Peg, es sieht nicht gut aus. Gar nicht gut. Sie haben mich gleich in die Klinik eingeliefert, um …«
Mehr bekam ich nicht mehr mit, schon fing der Raum um mich herum an sich zu drehen, und die Gedanken begannen, wie wild in meinem Kopf umherzugaloppieren. Der Arzttermin. Eine schreckliche Vorahnung machte sich in mir breit. Das konnte nur bedeuten … Nein! Bitte nicht! Warum verdammt?
»… keine Sorgen«, redete sie unablässig weiter, doch nichts davon drang mehr zu mir durch.
»Keine Sorgen machen? Du bist lustig!«, stöhnte ich leise auf.
»Ich bin hier in guten Händen«, versuchte sie, mich zu beruhigen.
»Wo bist du?«
»Im St. Mary’s.« Ich kannte die Klinik am anderen Ende der Stadt bereits. Ich fragte, ob sie noch was von zu Hause brauchte und versprach, gleich nach meinem nächsten Job zu ihr zu kommen. Dann legte ich auf.
Mit zitternden Knien setzte ich mich auf die schwarze Liege an meinem Arbeitsplatz. Auch wenn das Tattoo-Studio hell, freundlich und warm war, wurde es um mich herum plötzlich dunkel und ungemütlich. Und mir war mit einem Mal eiskalt. Es fühlte sich an, als würde eine Hand meine Eingeweide umfassen und unerbittlich zudrücken, immer fester, zudrücken und ziehen, zudrücken und ziehen.
»Peg?« Eine warme Hand legte sich schwer und real auf meine Schulter. Ich hatte nicht mal die Kraft zusammenzuzucken. Langsam hob ich den Kopf und sah zu Jake auf. Mein Chef und der Besitzer vom Skinneedles stand vor mir und blickte besorgt auf mich herab.
»Ja?«, fragte ich mechanisch.
»Ist alles in Ordnung?« Ich nickte stumm, er runzelte die Stirn. »Sieht mir nicht danach aus. Du bist leichenblass. Joyce«, rief er über die halbhohen Trennwände nach seiner Azubine, »bring Peg mal eine Flasche Wasser.« Ich schluckte, wollte abwehren, aber ich fand keine Worte. Mein Kopf war beherrscht von einem einzigen Satz.
Jemand drückte mir ein Wasser in die Hand, wie ferngesteuert hob ich es zum Mund und trank einen Schluck. Aber auch die Flüssigkeit konnte den Kloß in meinem Hals nicht auflösen.
»Peg?« Mein Chef sah mich eindringlich an, der Druck seiner Hand auf meiner Schulter verstärkte sich.
»Der Krebs ist zurückgekommen«, flüsterte ich. Es wunderte mich, dass ich überhaupt in der Lage war, diese Worte zu formen. Ich hatte gehofft, dass ich nie in die Situation kommen würde, sie aussprechen zu müssen.
Die Liege wackelte ein wenig, als Jake sich zu mir setzte. Er fragte nicht weiter nach. Wartete einfach, bis ich von mir aus fortfuhr. Ich wollte nicht darüber reden. Dann würde es real werden. Aber ich wusste auch, dass der leicht reizbare und wortkarge Tätowierer neben mir nicht einfach gehen würde.
Also starrte ich auf die bunten Figuren auf meinen Unterarmen und erzählte es ihm: »Meine Mom hatte Brustkrebs. Monatelange Behandlungen, Chemo und Bestrahlung, dann jahrelanges Bangen, und dann dachten wir eigentlich, sie hätte es geschafft. Die letzten sieben Jahre war alles gut. Es war nur eine Routineuntersuchung heute. Aber …« Jetzt schluchzte ich tatsächlich auf und japste nach Luft. Jake legte wie selbstverständlich seinen Arm um meine Schulter und zog mich an seine breite Brust. Und dann weinte ich.
Ich heulte meinen ganzen Schmerz raus, all die Angst, all die Hoffnung, die mich die letzten Jahre begleitet hatte. Zu jeder Untersuchung war die Angst mitgefahren, dass dieser scheiß Krebs wieder zurückkommen würde, aber jedes Mal war es gut gegangen. Jedes verdammte Mal in den Jahren nach ihrem ersten Sieg. Nur diesmal nicht.
»Wo ist die Klinik?«, fragte Jake, nachdem ich mich beruhigt und sein T-Shirt mit meinen Tränen durchweicht hatte.
»Am anderen Ende der Stadt«, schniefte ich. Er reichte mir die Box mit den Papiertüchern.
»Ich bring dich hin.«
Ich war erst seit einigen Wochen im Skinneedles als Tätowiererin angestellt und hatte heute eigentlich noch einen Kunden. »Nein, ich hab doch gleich noch -«
»In dem Zustand tätowierst du hier niemanden«, unterbrach er mich schroff.
»Aber -«
»Nichts aber. Carrie? Sag Pegs Termin ab, verschieb ihn auf … keine Ahnung. Nächste Woche oder so. Komm, pack dein Zeugs zusammen.« Jake erhob sich und ging zum Tresen. Ich stand mit immer noch wackeligen Knien von der Liege auf und räumte meine Sachen in die Tasche, schnappte meine Jacke und folgte ihm. Ich sah, wie er und seine Freundin Carrie die Köpfe zusammensteckten. Sie war die Shop-Managerin und machte unsere Termine, kümmerte sich um die Bestellungen und sorgte dafür, dass der Laden reibungslos lief.
»Ich kann auch selbst fahren«, versuchte ich, ihn davon abzuhalten, sein Geschäft zu verlassen. Ich wollte nicht alles durcheinanderbringen.
»Hör auf zu quatschen, Peg.« Er hielt mir die Tür auf, und ich ging mit gesenktem Kopf an ihm vorbei. Carrie oder Joyce anzusehen schaffte ich nicht. Ich wollte nicht in ihre fragenden und vermutlich mitfühlenden Gesichter blicken. Das hätte ich jetzt nicht ertragen. Ich war dankbar um Jakes besonnene und pragmatische, aber auch etwas ruppige Art. Er meinte es nicht böse, das wusste ich mittlerweile.
Als wir im Auto saßen, stellte er das Radio an. Chasing Cars von Snow Patrol lief gerade, eigentlich eines meiner Lieblingslieder, noch nie hatte ich die leise Melancholie ihrer Songs als so intensiv empfunden. Ich war froh, dass Jake mich nicht zu einem Gespräch zwang, sondern einfach in Ruhe ließ. Viel zu viele Gedanken schossen mir durch den Kopf, ich hatte Mühe, sie alle zu ordnen.
Die Fahrt von Haight-Ashbury in den Süden nach Brisbane dauerte nur eine knappe Dreiviertelstunde. Der Himmel strahlte blau, die Sonne brach vereinzelt durch die Häuserschluchten. Ich hätte einen Wolkenbruch vorgezogen, es kam mir so falsch vor, dass die Sonne schien und für gute Laune sorgte, während meine Mom im Krankenhaus lag.
Jake kam gut durch den Verkehr und hielt dann direkt vor dem St. Mary’s Center. Ich kannte die Klinik von früheren Besuchen mit meiner Mutter. Die Onkologie hatte den Ruf, die beste in ganz San Francisco zu sein. Ein kleiner Kieselstein fiel mir vom Herzen, als mir bewusst wurde, dass ich mir zumindest um die Qualität der Behandlung keine Sorgen machen musste. Meine Finger lösten den Gurt, und ich warf Jake einen dankbaren Blick zu.
»Soll ich dich begleiten?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Nicht nötig. Danke für alles.« Diese Selbstverständlichkeit, mit der er sich um mich kümmerte wie ein guter Freund, obwohl wir uns noch gar nicht lange kannten, rührte mich. »Alles Gute, Peg. Und wenn du was brauchst – ruf einfach an, verstanden? Und wehe du nimmst dir ein Taxi zurück. Ruf im Laden oder auf meinem Handy an. Carrie oder ich holen dich ab. Jederzeit. Wir sind für dich da.« Er drückte kurz meine Hand, dann legte er seine Finger wieder auf das Lenkrad und wartete, bis ich ausgestiegen war.
Als Jakes Wagen um die Ecke gebogen war, straffte ich die Schultern und machte mich auf den Weg ins Gebäude.
»Auf in den Kampf, Peg.«

***

Ich drückte die Klinke von Zimmer 321 herunter und öffnete die Tür vorsichtig. Weder schlug mir der penetrante Geruch von Desinfektionsmitteln in die Nase, noch sah ich grün oder braun gestrichene Wände, wie man sie aus Krankenhäusern kannte. Auf dem kleinen Tisch stand ein großer Strauß Frühlingsblumen und verströmte seinen Duft, während das Zimmer mich mit hellen Farben willkommen hieß. Mom hatte ein Einzelzimmer mit angrenzendem Bad bekommen, alles wirkte eher wie ein Wohnzimmer, nicht wie ein Krankenzimmer. Nur das Bett erinnerte daran.
Eigentlich sah sie nicht verändert aus, sondern noch genauso, wie sie heute Morgen das Haus verlassen hatte, um zur halbjährlichen Routineuntersuchung zu fahren. Glücklicherweise hatten sie sie nicht in eins dieser Krankenhausnachthemden gesteckt. Ihre rote Bluse hob sich leuchtend von dem strahlenden Weiß der Bettwäsche ab. Sie hatte den Kopf zum Fenster gedreht und die Augen geschlossen. Sie schlief.
Ich zog mir einen Stuhl ans Bett und setzte mich. Dann ließ ich meinen Blick langsam über das Gesicht meiner Mom gleiten.
Ihre Haare waren mit ihren vierundvierzig Jahren noch genauso blond wie meine. Seit der letzten Chemo vor sieben Jahren waren sie bis zu den Schultern nachgewachsen und umflossen ihr schmales, gebräuntes und faltenfreies Gesicht. Mom war ein typisches California Girl. Zumindest war sie das mit zweiundzwanzig gewesen, als sie meinen Stiefvater kennengelernt und zwei Jahre später geheiratet hatte. Er hatte eine Tochter, Linda, die im gleichen Alter war wie ich. Auch wenn er nicht mein leiblicher Vater war, hat er mich wie sein eigenes Kind behandelt und nie einen Unterschied zwischen Linda und mir gemacht. Er hat uns beide geliebt und wir ihn.
Meinen Erzeuger kannte ich nicht und hatte auch kein Interesse daran, das zu ändern. Mein Stiefvater war mein Dad. Über zehn Jahre waren Mom und er verheiratet gewesen – glücklich, so hatte ich zumindest immer den Eindruck gehabt – bis er im Sommer meines fünfzehnten Geburtstags plötzlich an einem unbemerkten Aneurysma im Gehirn verstorben war.
Das war eine furchtbar schlimme Zeit gewesen. Ich erinnerte mich mit Grauen daran, denn Linda war danach völlig ausgetickt. Sie war schon immer aufmüpfig gewesen, aber Dad hatte sie eigentlich gut im Griff gehabt. Wenn sie auch nie auf meine Mom hören wollte – auf ihren Dad hatte sie gehört. Als er von einem auf den anderen Tag nicht mehr da gewesen war … Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich damit die letzten Bilder von Linda aus meinem Gedächtnis verbannen.
»Peggy, Schatz …« Meine Mom kam zu sich und sah mich aus ihren blauen Augen besorgt an. Ich war hier diejenige, die besorgt sein sollte. Aber Mom wollte davon nichts wissen. Das wollte sie nie.
»Hey, Mom. Wie geht’s dir?«
»Gut. Ich fühle mich nicht anders als gestern«, sagte sie betont fröhlich, und ein Lächeln umspielte ihre schmalen Lippen. Meine Lippenform hatte ich offenbar von meinem Erzeuger geerbt, sie waren voll und herzförmig geschwungen.
»Was haben die Ärzte gesagt?« Wir brauchten nicht um den heißen Brei herumzureden, wir machten das hier nicht zum ersten Mal durch.
»Sie haben die üblichen Untersuchungen gemacht. Beim Abtasten hat der Doktor etwas entdeckt, was ihm Sorge bereitet, und sie wollen in den nächsten Tagen ein paar Untersuchungen machen. Du kennst das ja …« Das Lächeln erreichte ihre Augen nicht.
Ich beugte mich zu ihr und nahm ihre Finger in meine Hand. Sie waren genauso schlank und kalt wie meine. Am linken Ringfinger trug sie noch immer den goldenen Ehering, den Dad ihr am Tag der Hochzeit angesteckt hatte. Ich schluckte. Ich vermisste ihn. In diesem Moment noch mehr als sonst.
»Was genau haben sie entdeckt?«
»Einen Knoten in der Brust. Sie haben eine Sonographie gemacht und dann gleich eine Gewebeprobe entnommen«, gab sie schließlich zu, winkte aber gleich ab. »Nur zur Sicherheit, mein Schatz. Es ist sicher nichts Ernstes. Es geht mir gut, wirklich.«
»Oh, Mom …« Ich war geschockt, wusste nicht, was ich sagen sollte. Was ich wusste war, was dieser Knoten bedeuten konnte. Nur zu deutlich waren die Bilder von damals noch präsent und jagten mir eiskalte Schauer über den Rücken. Der Knoten musste auffällig gewesen sein, sonst hätte es keinen Ultraschall und schon gar keine Stanzbiopsie gegeben. So hatte es damals auch angefangen … Aber Mom lächelte tapfer.
»Wann bekommst du die Ergebnisse?«
»Du weißt ja, es kann ein paar Tage dauern.«
»Wann?«
»Vermutlich nächste Woche. Mach dir keine Sorgen, Liebes. Es wird alles gut werden.«
Ja, sicher. Das hatte sie auch damals gesagt. Und damals war auch alles wieder gut geworden. Trotzdem konnte ich die Angst nicht einfach abschütteln. In mir kroch die Vermutung hoch, dass sie schon länger davon gewusst haben musste und mir nichts erzählt hatte, weil sie mir keine Sorgen bereiten wollte. Ach, Mom …
»Klar. Wir schaffen das, Mom«, sagte ich mit so viel Überzeugung in der Stimme, wie ich aufbringen konnte, und drückte ihr einen Kuss auf den Handrücken.
»Natürlich, Peg. Aufgeben ist keine Option!«
Meine Mom war eine Kämpferin. Schon immer gewesen. Aber hatte sie nicht schon genug gekämpft? Das Leben war einfach nicht fair, verdammt!
Ich nickte stumm, blickte zum Fenster und blinzelte die Tränen fort, die sich in meinen Augen gebildet hatten. Heulen ist jetzt auch keine Option!
»Wir werden eine neue Hypothek auf das Haus aufnehmen müssen, um die Rechnungen zu bezahlen«, unterbrach Mom die Stille, die sich wie eine schwere Decke auf uns beide gelegt hatte.
»Eine neue Hypothek … Wie sollen wir die abbezahlen? Wir könnten das Haus auch einfach verkaufen«, warf ich vorsichtig ein. Sofort schüttelte sie energisch den Kopf und entzog mir ihre Hand.
»Nein! Du weißt ganz genau, dass ich das nicht übers Herz bringe.«
Sie hatte mir die Immobilie vor ein paar Jahren überschrieben, für den Fall, dass sie irgendwann nicht mehr da sein sollte, ich könnte also gegen ihren Willen den Verkauf in die Wege leiten. Aber das würde ich nicht übers Herz bringen. Trotzdem wollte ich die beste Versorgung für sie.
»Aber Mom … Das Haus ist ohnehin viel zu groß für uns beide allein«, versuchte ich es daher. »Mir reicht eine kleine Wohnung. Oder wir suchen uns was zusammen. Wir -«
»Nein!«
Ich schloss kurz die Augen, dann nickte ich ergeben. »Wir müssen das ja nicht jetzt besprechen.«
»Da gibt es nichts weiter zu besprechen.« Damit war das Thema für sie vom Tisch. Für mich nicht, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber zu diskutieren. Das Haus würde sie nicht aus freien Stücken verkaufen, wir hatten schon mehrere Diskussionen deswegen gehabt. Sie konnte nicht raus aus den Mauern, in denen immer noch Dads Geruch hing. Und der seiner Tochter Linda, meiner Stiefschwester. Und sie wollte mich abgesichert wissen.
Meine Mutter war eine starke Frau. Und stur noch dazu. Wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hatte, dann zog sie es auch durch. Ich hoffte nur, dass das auch für den Sieg über den beschissenen Krebs galt.

2. Peg

»Das sieht einfach geil aus!« Tiffany stand vor dem großen Spiegel und betrachtete eingehend ihr neues Tattoo. Ich hatte ihr in einer drei Stunden langen Sitzung eine Sanduhr auf die Wade gestochen. In Schwarzgrau gehalten und mit dem typischen Rot des Buena Vista Stils, einem ziemlich trashigen Look, untermalt. »Meine Zeit des Lebens«, nannte Tiffany ihr neustes Bild und war sichtlich happy.
Ich zog mir mit einem Schnalzen die Gummihandschuhe aus und warf sie in den Mülleimer unter meinem Arbeitstisch.
»Freut mich, dass du zufrieden bist«, sagte ich mit einem Lächeln.
»Zufrieden?« Sie drehte sich schwungvoll um und strahlte mich an. Ihre Lippe war gepierct, ebenso wie ihre Nase und Augenbraue. Ein Tunnel befand sich im rechten Ohrläppchen, ihre Haare waren lang und knallrot. Passend zum Tattoo und bestimmt auch passend zu ihrem Lebensstil. »Ich bin mehr als das!« Sie drehte sich wieder zurück zu ihrem Spiegelbild, und konnte gar nicht aufhören zu grinsen, während sie ihre Wade betrachtete. Ich schmunzelte und war froh, gute Arbeit geleistet zu haben. Die letzten beiden Tage waren hart gewesen, und ich hatte ein bisschen Panik vor meinem heutigen Job gehabt, mich gefragt, ob ich mich überhaupt konzentrieren könnte. Aber es hatte alles gut geklappt. Sobald meine Rotary angefangen hatte zu schnurren wie ein Kätzchen, konnte ich die Welt um mich herum ausblenden. Und damit auch die Sorge um meine Mom.
Ich schüttelte den Gedanken an sie auch jetzt ab, versorgte Tiffanys frisches Bild und klärte sie über die Nachbehandlung auf. Als wir uns mit einer kleinen Umarmung verabschiedet hatten, ließ ich mich auf einen der Hocker hinter dem Tresen fallen und starrte auf die sich langsam schließende Tür.
»Na, was geht?« Eric, mein Kollege und langjähriger guter Freund aus meiner Zeit in L.A., tauchte mit einem Lächeln neben mir auf und wühlte in einer der Schubladen.
»Suchst du was Bestimmtes?«, fragte ich.
»Ich brauche einen Briefumschlag. Hast du eine Ahnung, wo ich sowas finde?«
»Für einen Liebesbrief?«, neckte ich ihn. Er boxte mir sanft gegen die Schulter, ich lachte. »Ganz unten«, sagte ich und zeigte auf die unterste Schublade.
Er zog ein Kuvert heraus und lehnte sich dann an den Tresen. »Wie geht’s deiner Mom?«, fragte er mich leise.
Ich hob den Kopf und sah ihm in die Augen. Sie waren blau und blickten mich offen an. Kein Mitleid, keine Traurigkeit war in ihnen zu sehen. Das war gut so. Ich schätzte Eric gerade deswegen. Er heuchelte nicht, sondern legte Fakten auf den Tisch. Ich versuchte mich an einem Lächeln.
»Sie machen immer noch Untersuchungen. Bis die endgültigen Ergebnisse kommen, dauert es ein paar Tage.«
Er legte mir seine Hand auf die Schulter und drückte sie. »Alles wird gut werden«, sagte er und lächelte mir aufmunternd zu. Ich nickte stumm.
Seine Freundin Joyce kam aus dem hinteren Bereich zu uns. »Hey, Eric und ich wollen rüber ins Café, einen Burger essen. Kommst du mit?«
»Und wer hält dann hier die Stellung?« Ich warf einen kurzen Blick in den Terminkalender vor mir. Ich hatte erst am Nachmittag wieder Kundschaft. Jake in einer Stunde und Eric auch erst am frühen Abend. Joyce lernte noch, sie hatte keine eigenen Termine. Das Skinneedles lief ganz gut an, dafür, dass wir nur zu dritt waren. Weswegen wir die Termine auch so verteilen mussten, dass stets einer frei war, falls jemand unangemeldet hereinkam. Soweit ich wusste, war Jake noch immer auf der Suche nach einem Tätowierer, der uns unterstützen sollte. Aber das war gar nicht so einfach, wie es sich anhörte.
»Na, der Boss himself«, antwortete Eric.
»Wenn es okay für Jake ist, komm ich gern mit.«
»Prima. Wir müssen auch noch kurz zum Musikladen. Dann treffen wir uns dort in einer halben Stunde?«
»Klar.«
Eric und Joyce waren erst seit Kurzem ein Paar, aber die beiden passten zusammen wie Arsch auf Eimer. Echt süß und irgendwie beneidenswert. Es hatte beiden ein ziemliches Gefühlschaos beschert, als sie vor ein paar Monaten gleichzeitig hier in San Francisco eingetroffen waren. Von Eric wusste ich, dass schon in L.A. etwas zwischen ihnen gelaufen war und keiner damit gerechnet hatte, sich hier wiederzutreffen. Jake hatte Joyce ebenfalls in L.A. kennengelernt, wo sie gerade als Streetart-Künstlerin die Außenwand einer Bar bemalt hatte. Aufgrund ihres Zeichentalents hatte er sie für den Shop engagiert. Die Wandmalerei im Skinneedles sowie die Fassadenmalerei stammte von ihr. Und während dieser Zeit war sie mit Eric zusammengekommen.
Als Joyce von Rileys Plattenfirma den Auftrag bekommen hatte, das Cover für das neue Album seiner Band Obsidian zu zeichnen und Jake ihr gleichzeitig einen Job im Skinneedles angeboten hatte, war klar gewesen, dass sie in der Stadt bleiben würde. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte sie auch eine ziemliche Begabung fürs Tätowieren. Sie hatte zeitgleich mit mir im Skinneedles angefangen, und ihre frische Art kam bei den Kunden gut an. Momentan war sie noch das Mädchen für alles, saugte alles wissbegierig auf, tätowierte hin und wieder ein Modell, während Jake daneben saß und sie anleitete. Aber ich wettete, dass er sie schon in wenigen Monaten auf eigene Kunden loslassen und sie das Team dann richtig gut unterstützen würde.
Ich seufzte innerlich und sah ihnen hinterher, wie sie Arm in Arm das Studio verließen und vor der Tür noch in einem innigen Kuss versanken, bevor sie aus meinem Blickfeld verschwanden.
Ich versuchte, mich an meine letzte Beziehung zu erinnern, aber das war schon so lange her, dass es sich anfühlte wie aus einem anderen Leben. Ich war nie lange mit einem Jungen zusammen gewesen, meist war es nicht über das dritte Date hinausgegangen, und wenn doch, dann hatte ich einen Rückzieher gemacht, sobald es ernst geworden war. Nicht körperlich, ich hatte absolut nichts gegen Sex. Aber wenn jemand begann, in meiner Seele herumzuwühlen, machte ich dicht und schob ihn von mir. Ich war nicht bereit, mich jemandem zu öffnen und meine Vergangenheit mit ihm zu teilen. Daher beließ ich es bei einem oder zwei Dates, die dann in unverbindlichem Sex endeten. Doch auch der letzte One-Night-Stand war schon eine halbe Ewigkeit her. Und die kleine Affäre mit Riley zählte nicht.
Riley und ich kannten uns schon ein paar Jahre. Ich war damals bei einem Auftritt seiner Band dabei gewesen – da war er noch in Los Angeles mit Eric und zwei anderen Typen durch die Clubs getingelt und hatte gecoverte Songs zum Besten gegeben. Ziemlich schnell waren wir miteinander im Bett gelandet, aber daraus war nie eine Beziehung geworden. Wir waren beide gebrannte Kinder. Aber wir verstanden uns gut, lagen auf einer Wellenlänge und vertrauten einander. Immer wenn sich die Gelegenheit bot, schliefen wir auch miteinander. Für feste Beziehungen waren wir beide nicht gemacht. Dass er nur so selten in der Stadt war, half uns zusätzlich, das Ganze unverbindlich zu halten.
Im letzten Jahr hatte Riley einen Plattenvertrag ergattert, sich an die Spitze der Charts gesetzt und tourte nun mit seiner Band quer durch die Staaten. Ich gönnte ihm seinen Erfolg, aber vermisste ihn auch. Gerade jetzt hätte mir seine Nähe gutgetan. Er war der Einzige, dem ich mich je anvertraut hatte und der immer wusste, was bei mir los war. Riley war sowas wie mein bester Freund geworden.
Ich stand auf, um meine Pause mit Jake abzuklären, da klingelte das Telefon.
»Skinneedles, Peg hier, hallo?«, meldete ich mich routiniert und zückte den Kuli, um den nächsten Termin in den Planer einzutragen.
Meine Pause hatte sich damit erledigt, denn ein Kunde fragte nach einem spontanen Beratungstermin, den ich ihm natürlich gewährte. Wir machten aus, dass er in einer halben Stunde hier sein sollte. Ich schickte Eric eine Nachricht und bereitete schon mal ein paar Mappen vor, in die der Kunde einen Blick werfen konnte, wenn er noch auf der Suche nach einem Motiv war.
Dann säuberte ich meinen Arbeitsplatz und richtete ihn für meinen Termin am Nachmittag her.
Als ich fertig war, kehrten Joyce und Eric gerade von ihrer Pause zurück.
»Hey, danke für deine SMS und schade, dass es nicht geklappt hat mit der gemeinsamen Pause. Heute Abend wollen wir ins Devil«, informierte mich Joyce. Ihre Lippen waren rot und geschwollen, ihre Augen leuchteten. Das kam sicher nicht vom Burgeressen. Ich verkniff mir ein wissendes Grinsen, als Eric kurz nach ihr den Laden betrat. Auch er sah etwas … mitgenommen aus. »Kommst du dann mit?«
»Ins Devil? Da war ich schon ewig nicht mehr«, sagte ich und überlegte kurz. Das Devil war ein Club in der Nähe, nur ein paar Blocks vom Studio entfernt hier in Haight-Ashbury. Dort spielten sie meine Musik, Rock und Pop, keinen Techno oder so, und das Bier schmeckte auch immer lecker. Zudem war das Publikum dort lockerer als in diesen Edelclubs.
Ich zuckte mit den Schultern. Warum eigentlich nicht? Ich war schon so lange nicht mehr aus gewesen. Etwas Ablenkung würde mir guttun. »Ja, ich komme gerne mit«, antwortet ich dann.
Joyce strahlte. »Super! Ich freu mich. Also, bis später.« Sie verschwand zu Jake in sein Abteil, um ihm über die Schulter zu gucken und zu assistieren.
Der Tag ging ziemlich schnell rum. Der Beratungstermin war auch erfolgreich, und ich hatte einen Termin in der nächsten Woche mit dem Typen ausgemacht. Eigentlich hatte er nicht ausgesehen wie der typische Tattooträger. In Anzug und Krawatte war er dahergekommen, aber unter dem schnöden Outfit waren bereits einige Bilder auf der Haut zum Vorschein gekommen. Was mich wieder daran erinnerte: Man sollte Menschen nie nach ihrem Aussehen beurteilen. Ich hatte am eigenen Leib erfahren müssen, wie sich das anfühlte. Und das war kein schönes Gefühl gewesen. Bis heute hatte ich die Zeit, in der ich gemobbt worden war, nicht ganz verwunden. Nur gut verdrängt.
Ich war ganz dankbar für meinen zweiten Termin an diesem Abend – so hatte ich zumindest zweitweise keine Gelegenheit mehr, über all das nachzudenken. John, ein ziemlich bulliger Typ mit einem Bart à la ZZ Top und muskulösen Oberarmen, wollte sich ein Tattoo auf die Brust stechen lassen. Es war nicht sein erstes, insofern war er schon abgebrüht, verzog keine Miene, als ich ihm einen schwarz-grau-roten Totenschädel tätowierte. Johns gute Laune war ansteckend, und so unterhielt ich mich während der drei Stunden mit ihm, anstatt mich wie sonst hinter meiner Musik zu verschanzen und zu schweigen. Er erzählte mir von seinen Motorradtouren quer durch die USA, die er bereits unternommen hatte.
»Hey, wenn du Lust hast, gehen wir mal auf ein Bier? Ich kenn da eine Bar, die würde dir sicher gefallen«, lud er mich ein und beschrieb mir die Bar – das Uncle Sam – in den schillerndsten Farben. Dort traf er sich regelmäßig mit seinen Kollegen. Ich konnte mir vorstellen, dass es spaßig mit ihm werden würde, aber zurzeit war mir nicht nach einem Date. Ich wollte mich nicht festlegen.
»Ja, vielleicht machen wir das mal. Im Moment hab ich einiges um die Ohren, aber vielleicht passt es irgendwann.«
Er schnaubte amüsiert, und es war klar, dass er meine lahme Absage durchschaut hatte. »Hey, ich bin verheiratet und hab eine kleine, süße Tochter. Keine Angst, ich will dich nicht anbaggern. Ich finde dich einfach nur nett, und deinen Beruf faszinierend.«
Ein erleichtertes Grinsen stahl sich auf mein Gesicht, und wir machten aus, in Kontakt zu bleiben.
Ich verabschiedete ihn kurz vor Mitternacht, räumte meinen Arbeitsplatz auf und machte mich im angrenzenden Bad schnell frisch für den Clubbesuch. Ich hatte immer eine Extratasche mit Klamotten und Make-up dabei. Mein Elternhaus befand sich in Westlake, was bei normalem Verkehr mit Moms altem Honda gerade mal eine halbe Stunde entfernt lag. Im Berufsverkehr konnte es aber auch schon mal mehr als eine Stunde dauern. Außerdem war ich immer gerne auf alle Eventualitäten vorbereitet.
Ich tauschte meine olivfarbene Cargohose gegen ein Paar schwarze, enge Jeans, zog mir ein paillettenbesetztes Top über und frischte mein Make-up auf. Meine Haare waren seit heute Morgen zu einem unordentlichen Dutt verknotet, da würde ich nichts mehr retten können, aber gut. Ich zog mir noch den nudefarbenen Lippenstift nach, dann verstaute ich alles wieder in meiner Tasche und verließ das kleine WC.
Jake und Carrie warteten schon auf mich. Eric und Joyce standen ebenfalls abmarschbereit im Laden, und wie immer warfen sie sich verliebte Blicke zu. So süß die beiden auch waren und so sehr ich ihnen das gönnte – das glückliche Leuchten auf ihren Gesichtern zu sehen, konnte ich gerade gar nicht gut vertragen. Daher hielt ich mich an Jake und Carrie, während wir uns zu Fuß auf den Weg zum Devil machten. Die waren zwar auch verknallt, konnten sich aber besser zurückhalten. Carrie alberte mit mir herum, und sie bezogen mich in ihre Gespräche mit ein.
Als wir kurz vor dem Club waren, klingelte mein Handy. Ich zog es aus der Tasche. Mom. Shit!
»Geht schon mal rein, ich komme gleich nach«, bat ich meine Leute und ließ mich zurückfallen. »Mom, was ist passiert?«
»Die Bank hat die Hypothek abgelehnt«, fiel sie mit der Tür ins Haus. Im ersten Moment war ich erleichtert, dass ihr nächtlicher Anruf nichts mit dem Krebs zu tun hatte. Erst nach einigen Augenblicken begriff ich, was das hieß.
»Und jetzt?«
»Ich schätze, wir müssen das Haus nun doch verkaufen.« Sie hörte sich seltsam gefasst an.
»Wann hast du mit der Bank telefoniert?«, wollte ich wissen.
»Heute Morgen. Aber ich brauchte eine Weile, um mich selbst davon zu überzeugen, dass der Verkauf das einzig Richtige ist. Ich habe die ganze Zeit gegrübelt und konnte nicht schlafen, hier ist ja seit Stunden alles ruhig. Tut mir leid, wenn ich dir jetzt den Abend verdorben habe …«
»Nein, hast du nicht, Mom. Ich … Ich gehe mit dem Team noch was trinken, in einem Club. Nichts Wildes. Ich kümmere mich gleich am Montag um einen Makler, okay? Und Morgen komme ich dich besuchen. Wie geht es dir?«
Sie meinte, es ginge ihr gut und ich solle mir keine Sorgen machen. »Geh feiern, mein Schatz. Und trink einen für mich mit.« Ich konnte sie förmlich zwinkern sehen.
»Ich liebe dich, Mom.«
»Ich liebe dich auch, Schatz.«
Durch die Unsicherheit, wie es mit meiner Mom weitergehen würde, hatte ich die letzten Tage mächtig unter Strom gestanden, viel gegrübelt und auch geweint. Die Sache mit der Hypothek hatte mich zusätzlich belastet. Es war traurig, das Haus zu verkaufen, das mit so vielen schönen Erinnerungen verbunden war, ja. Aber es wäre dämlich, es nicht zu tun, zumal die Immobilienpreise in San Francisco durch die Ansiedlung diverser Star-up-Unternehmen rund um das Silicon Valley in die Höhe geschossen waren. Wir sollten also einen guten Preis erzielen können.
Seit Lindas Auszug kurz nach dem Highschool-Abschluss lebten Mom und ich allein darin. Es war viel zu groß und zu teuer für uns. Erst recht jetzt, wo Mom nicht mehr arbeiten konnte und ich erst am Anfang des Geldverdienens stand. Die Kosten für Moms Behandlungen würden ein großes Loch in unser schmales Budget reißen. Sobald ich mehr Kunden im Shop hätte, würde es aufwärtsgehen, aber bis dahin musste ich sehen, wie wir klarkamen. Ich würde vielleicht noch einen zweiten Job annehmen müssen, um die Fixkosten decken zu können. Wenn das Haus erstmal verkauft wäre, dann würden wir uns um die Arztkosten keine Gedanken mehr machen müssen. Nur so schnell würde das bestimmt nicht über die Bühne gehen. Aber all das war zu schaffen. Hauptsache, sie würde wieder gesund werden. Und um uns ganz darauf zu konzentrieren, wäre es von Vorteil, das Haus abzustoßen. Dass Mom jetzt einverstanden war, machte es leichter. Und dann … dann würde ich hoffentlich eine schöne, bezahlbare Wohnung für uns finden, in der Mom sich wieder erholen konnte. Ja, das würde ich!
Und darauf wollte ich heute Nacht das eine oder andere Bier trinken.

3. Kyle

Matt drückte mir ein Bier in die Hand und lehnte sich zu mir an die Absperrung zur Tanzfläche. Es war verdammt heiß im Club, und das schwarze T-Shirt klebte mir schon am Rücken.
Eigentlich hatte ich an diesem Abend mal zu Hause bleiben und mich ausruhen wollen. Ich hatte eine harte Woche im Büro hinter mir, und an den Abenden war ich Laufen gewesen oder hatte mich im Fitnessstudio an den Gewichten abreagiert. Heute Morgen war der Wunsch nach Schlaf und Ruhe präsent gewesen, aber mir war allein zu Hause dann doch ziemlich schnell die Decke auf den Kopf gefallen. Ich war offensichtlich nicht für unspektakuläre Abende vor dem Fernseher gemacht.
Nachdem ich mich durch die Nachrichten auf meinem Telefon gelesen und einige eindeutige Angebote von irgendwelchen Mädels gefunden hatte, denen ich vor Wochen im Partyrausch unerklärlicherweise meine Nummer gegeben hatte, hatte ich ihre Nummern blockiert und Matt angetickert. Wie erwartet hatte er mich nicht hängenlassen, sondern war rübergekommen, und nach zwei Bieren und den üblichen Gesprächen über Sport und die Arbeit mit mir in den Club losgezogen. Schlafen konnte ich auch noch, wenn ich tot war.
»Alles klar?«, fragte er und ließ sein Bier gegen meines klirren. Er grinste und wischte sich die Haare aus der Stirn. Sein T-Shirt klebte ihm ebenfalls an der Brust, was ihm einige Blicke der Bräute sicherte. Matt war ein paar Zentimeter kleiner als ich, knackte gerade so die 1,90 m Marke. Mit Football hatte er nicht viel am Hut. Seine Leidenschaft war Basketball, und in seiner Freizeit ging er klettern. Außerdem fuhr er Motorrad. Eine schwere Maschine mit viel Chrom. Darauf standen die Mädels.
Vor Kurzem hatte er sich von seiner langjährigen Freundin Anna getrennt. Der Grund, warum er aus Sacramento nach San Francisco gekommen war und mich besuchte. Er brauchte Abstand und einen Platz zum Pennen. Ich nahm ihn mit unter Leute und ließ ihn in meinem Gästehaus hinten im Garten wohnen – er konnte bleiben, solange er wollte.
Er war seit der Junior High mein bester Freund, und auch wenn wir mittlerweile in verschiedenen Städten lebten, hielten wir regelmäßig Kontakt. Ich stieß mit ihm an und grinste schief. »Alles super.«
No Roots von Alice Merton dröhnte aus den Boxen, zig halbbekleidete Weiber drängten sich auf der kleinen Fläche aneinander, wackelten mit den Hüften und gruben Typen an, die sich bereitwillig antatschen ließen. Bis vor ein paar Minuten hatte ich auch dazugehört, aber die Rothaarige neben mir war mir nicht mehr von der Pelle gerückt. Ich hatte bis vorhin noch Bock auf eine kleine Nummer gehabt, deswegen waren wir ja hier, aber die Kleine hatte mich schnell gelangweilt. Nun hielt ich nach einer Alternative Ausschau.
»Ist die Rote nichts für dich?« Matt hatte mich beobachtet, während ich getanzt hatte.
»Nein«, gab ich einsilbig zurück.
»Wieso nicht? Sie ist heiß.«
Ich grinste schief und zuckte mit den Schultern. Ich wusste selbst nicht, was mit mir los war. Vielleicht hatte ich einfach zu viele gehabt in den letzten Monaten. Auf jeder Party, auf der ich nach einem Spiel gewesen war, hatte ich irgendein Mädchen abgeschleppt. Es gab immer eine oder auch mal zwei, die sich an mich ranschmissen. Sie waren leichte Beute, schenkten mir ihre Aufmerksamkeit und anschließend ein paar unterhaltsame Stunden im Bett. Und ich suchte mir bewusst die aus, die nichts weiter dafür verlangten. Keine Beziehung oder sonst eine Romanze. Darauf hatte ich auch keinen Bock. Ich wollte mich nicht binden und mich mit den Verpflichtungen einer Beziehung herumschlagen müssen.
Ich hatte im letzten Jahr viele Frauen mit nach Hause genommen. Und immer Spaß daran gehabt. Matt hatte recht – die Rothaarige fiel eindeutig in mein Beuteschema. Sie war sexy angezogen, hatte eine spitzen Figur und war offensichtlich nicht abgeneigt. Warum nahm ich sie mir dann nicht einfach? Vielleicht, weil ich genau wusste, wie der Rest des Abends dann ablaufen würde. Ich würde sie auf einen Drink einladen, ihr noch im Club schmutzige Dinge ins Ohr flüstern und dann entweder bei ihr oder bei mir landen, wo wir die Nacht durchvögelten. Danach würde ich verschwinden oder sie bitten zu gehen – je nachdem, wo wir uns befanden. Alles wie immer. Es lief immer gleich ab. Und das fing an, mich zu langweilen.
Ich trank mein Bier, während ich den Blick über die Gäste des Clubs schweifen ließ. Es war Freitagnacht, das Devil absolut überfüllt. Grelle Lichter zuckten im Beat über die Wände: Es gab nur Bier oder Longdrinks, keine bunten Cocktails, und das Publikum war gemischt. Ich sah Mädchen mit Lederminis und High Heels, mit aufgepumpten Brüsten und billigem Make-up, die eindeutig darauf aus waren, den Abend nicht allein zu beenden. Top durchgestylte Karrierefrauen im Business-Outfit von der Stange, die sich noch einen Drink gönnten und damit den harten Arbeitstag runterspülten. Und Frauen in Jeans, die so gewöhnlich aussahen, dass ich auf der Straße keinen Blick an sie verschwendet hätte. Sie alle waren verschieden und doch irgendwie gleich.
Die letzten Jahre hatte ich in der Regel in irgendwelchen angesagten Clubs im Mission oder Final District oder Nob Hill verkehrt. Dort, wo Geld keine Rolle spielte und man so richtig die Sau rauslassen konnte, wo man unter seinesgleichen war. Im Normalfall mit Spielern aus meinem Team und den üblichen dazugehörigen Groupies. Die Abende hatten regelmäßig mit einem One-Night-Stand geendet. Aber seit ich aus dem Footballteam der San Francisco 49ers ausgestiegen war, hatte ich nicht mehr das Bedürfnis danach, im Mittelpunkt der Upper Class zu stehen und Fragen nach meinem Ausstieg zu beantworten. Der Unfall war nichts, über das ich reden wollte. Und deswegen verzog ich mich hier nach Haight-Ashbury ins Devil. Hierhin, wo mich niemand kannte und ich nur ein Nachtschwärmer unter vielen war.
»Lucy kommt später noch«, brüllte Matt mir über die Musik hinweg entgegen.
Ich grunzte meine Zustimmung. Lucy war eine alte Freundin von Matt. Eine, mit der er sich, bevor er mit Anna zusammengekommen und mit ihr nach Sacramento gegangen war, unregelmäßig getroffen hatte, wenn sie Bock aufeinander gehabt hatten. Die beiden hatten quasi eine Fickbeziehung geführt. Diese wollte er wohl heute wieder aufleben lassen. Mir war klar, worauf ihr Treffen im Devil hinauslaufen würde. Matt und sie würden sich in eine der Klokabinen zurückziehen, um einen Quickie zu schieben, oder es vielleicht sogar noch bis zu ihrer Wohnung aushalten.
Ich beobachtete erneut die Rothaarige, die mir immer wieder eindeutige Blicke zuwarf, doch auch ein Bier später machte sie mich noch nicht sonderlich scharf. Seufzend wandte ich meine Augen von ihren Titten ab und inspizierte weiter die Tanzfläche und die wackelnden Ärsche darauf. Miniröcke, Bleistiftröcke, Jeans. Bis mir eine Blondine ins Auge fiel.
Ich sah sie nur von hinten, aber sie tanzte so sinnlich und aufreizend, dass mein Blick einfach an ihr hängenblieb. Die Lichtstrahlen brachen sich in den Pailletten ihres Tops, lange, schlanke Beine steckten in engen, dunklen Röhrenjeans und endeten in Stiefeln mit mörderischem Absatz. Ihre Hände lagen abwechselnd auf den Hüften – hm, sexy – oder schwangen wild in der Luft herum. Ihre Haare waren hochgebunden, ihr schmaler Nacken lag frei. Ihre Arme waren komplett tätowiert, auch unter dem Saum ihres Tops konnte ich am Rücken ebenfalls Farbe auf ihrer Haut erkennen. Heiß! Ich hatte noch nie eine tätowierte Frau in meinem Bett gehabt. Hm … Ob tätowierte Frauen anders waren? Wilder und hemmungsloser? So wie sie sich bewegte, konnte ich mir das gut vorstellen. Mein Kopfkino sprang an. Wie die Tattoos wohl unter ihrem Shirt weiterverliefen?
Sie bewegte sich geschmeidig im Takt der Musik. Ich erkannte, dass sie mit einer Freundin da war, einer Brünetten, die unglaublich sexy und gekonnt tanzte, und die ich ebenfalls zum ersten Mal sah. Glaubte ich zumindest. Aber mir kamen auch die Bewegungen der Blonden so vertraut vor. Als hätte ich sie schon mal gesehen. Aber daran würde ich mich wohl erinnern bei den unzähligen Tattoos. Das war nichts, was man einfach so übersehen konnte. Ich konnte nicht aufhören, sie anzustarren, ihren Bewegungen mit den Augen zu folgen und den schlanken Körper mit meinem Blick zu verschlingen. Vielleicht sollte ich es mit ihr versuchen? Bei ihr fühlte ich das, was mir bei der Rothaarigen gefehlt hatte. Ihr kleiner, knackiger Hintern jedenfalls würde mir gefallen. Ob er auch tätowiert war? Ich könnte sie mit zu mir nehmen und es herausfinden. Sie von hinten vögeln und dabei ihre Tattoos mit den Fingern nachzeichnen. Allein beim Gedanken daran wurde meine Hose eng. Plötzlich musste ich unbedingt wissen, wie sie von vorne aussah, musste ihr Gesicht sehen.
»Ich glaub, ich geh noch mal tanzen«, sagte ich zu Matt und leckte mir die Lippen, ohne den Blick von der Blonden abzuwenden.
»Welche ist es? Doch die Rothaarige?«
Ich grinste und schüttelte den Kopf. Ich deutete in Richtung des Knackarschs. »Die Blonde da drüben. Die Tätowierte.«
Er nickte anerkennend und hob den Daumen. »Scharfes Gestell. Scharfe Tattoos.«
Genau das fand ich auch.
»Schnapp sie dir und lass es krachen, Kyle.«
»Na, mal sehen. Kommst du mit? Ich glaub, die Dunkelhaarige neben ihr gehört zu ihr.«
»Na, hoffentlich sind die beiden kein Paar«, merkte er an.
Ich zuckte die Schultern. »Wir werden sehen. Also?« Fragend sah ich ihn an.
»Nee, lass mal. Ich warte noch auf Lucy.«
»Steck ’nen Gruß mit rein«, gab ich augenzwinkernd zurück. Ich nahm einen letzten Schluck von meinem Bier und blickte noch einmal auf den Knackarsch, der auf der Tanzfläche aufreizend vor meiner Nase rumwackelte, bevor ich mich in Bewegung setzte, und mir dabei vorstellte, wie ich hoffentlich bald ihre Tattoos erkunden würde.

4. Peg

Wir tanzten ausgelassen, Clean Bandit von Rockabye ft. Sean Paul & Anne-Marie ließ Carrie und mich völlig durchdrehen. Ich wusste mittlerweile, dass sie viele Jahre professionell getanzt hatte, aber nach dem letzten Vortanzen vor einigen Monaten ihren Traum für immer an den Nagel gehängt hatte. Sie hatte den Tanz ihrem verstorbenen Ziehvater Phil gewidmet und sich, obwohl sie daraufhin ein Angebot für ein Engagement in einer Tanzgruppe beim Theater bekommen hatte, der Arbeit im Tattoo-Studio gewidmet. Sie meinte, sie wolle von nun an nur noch zum Spaß tanzen und die Kindergruppe im Streetdance in Nolans Tanzstudio unterrichten.
Es machte unglaublichen Spaß, mit ihr gemeinsam auszuflippen. Ich selbst war auch nicht ganz ohne Talent, aber Carrie konnte ich natürlich nicht das Wasser reichen. Bei mir war es eher Enthusiasmus als Technik. Joyce dagegen hatte nur Augen für Eric, sie standen gemeinsam in einer Ecke und wären zu Hause besser aufgehoben gewesen.
Wir wirbelten herum und vergaßen fast, dass wir nicht alleine waren. So losgelöst hatte ich mich seit Moms Anruf vor ein paar Tagen nicht gefühlt. Und prompt kam das schlechte Gewissen. Mist! Warum musste ich ausgerechnet jetzt daran denken?
Ich versuchte, mich wieder auf Carrie zu konzentrieren. Heute Abend wollte ich nur positive Gedanken haben, aber die Stimmung hatte es mir trotzdem irgendwie versaut und die Luft war raus. Ich beschloss, am Tresen kurz zu verschnaufen und etwas zu trinken. Vielleicht half ein Tequila oder irgendwas anderes Hartes. Ich hatte Mom doch versprochen, einen für sie mitzutrinken.
Eigentlich trank ich kaum Alkohol, mal ein Bier oder so, aber jetzt war mir einfach danach. Ich signalisierte Carrie, dass ich eine kurze Pause machen wollte, drehte mich um, schob mich zum Ausgang der Tanzfläche durch und dann weiter zum Tresen. Mann, war das voll hier.
Der Geruch von Schweiß, Sprit und aufdringlichem Parfüm lag in der Luft, ich musste ein paar Hände abwehren und einem Betrunkenen ausweichen, der mir um den Hals fallen wollte. Die Kerle wurden irgendwie auch immer dreister.
Völlig verschwitzt bestellte ich beim schnuckeligen Barkeeper ein Bier und einen Tequila. Als ich das Geld aus der Gesäßtasche ziehen wollte, hörte ich eine Stimme neben mir.
»Das geht auf mich.«
Ich warf meinen Kopf rum, um zu sehen, wer mir hier einen Drink spendieren wollte. In der Regel ließ ich mich nicht so plump anmachen. Ich setzte mein süffisantestes Lächeln auf und blickte zu Seite. Ein Kerl mit einem Dauergrinsen im Gesicht lehnte neben mir am Tresen und hielt dem Barkeeper mit einer lässigen Geste einen Zwanziger hin, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ich scannte ihn in Sekundenschnelle ab. Er war nur unwesentlich größer als ich, aber das war bei meiner Körpergröße von einem Meter siebzig auch nicht weiter schwer. Okay, ich trug hohe Absätze. Dazu war seine Brust ziemlich breit, und unter dem T-Shirt erkannte ich muskulöse und tätowierte Oberarme im Black-and-grey-Stil.
»Danke, nett von dir«, bedankte ich mich bei ihm, nahm die Flasche und prostete ihm zu. Er hielt bereits ein Bier in der Hand und ließ es an meines klirren.
»Du kannst dich ja revanchieren«, meinte er vielsagend.
Super, wieder einer, der meint, er könne mich einfach so kaufen.
»Klar. Du kannst meinen Tequila trinken«, sagte ich und schob ihm den Kurzen rüber.
»Das meinte ich nicht.« Sein Grinsen wurde breiter, und er rückte näher an mich heran. Ich roch eine Mischung aus billigem Aftershave und altem Schweiß und rümpfte unmerklich die Nase.
»War mir klar, aber was anderes gibt es nicht.« Fest sah ich ihm in die Augen und bemühte mich, nicht zurückzuweichen. Er hatte eine ordentliche Fahne, seine Augen waren glasig, sein Grinsen ziemlich anzüglich.
»Ich hab dich auf der Tanzfläche beobachtet. Geiler Arsch.«
Jetzt wollte ich doch einen Schritt zurück machen, aber schneller, als ich mich bewegen konnte, strich seine Hand über meinen nackten Oberarm. »Nimm deine Finger von mir, sonst …«
»Sonst was?« Er hatte sein Bier abgestellt und griff auch mit der anderen Hand nach mir. Niemand um uns herum nahm Notiz von uns. Sein Grinsen schien in seiner Visage festgewachsen zu sein. Er war absolut von sich überzeugt. Ich überlegte, ob ich ihm erst mit dem Knie in die Eier treten oder gleich die Nase brechen sollte.
»Sonst lernst du mich kennen«, ertönte eine eisige Stimme direkt neben mir. Mein Kopf fuhr rum, das Herz rutschte mir im gleichen Moment in die Hose. Ach. Du. Scheiße!
Der stinkende Tattootyp nahm seine Hände von mir und trat dümmlich grinsend einen Schritt zurück. »Ganz entspannt, Mann. Bin schon weg.« Er griff sich sein Bier und tauchte in der Menge unter, ohne mich noch einmal anzusehen. Das war noch mal gut gegangen, aber das Schlimmste stand mir noch bevor. Ich schluckte und sah hoch – mitten in ein Paar blauer Augen, die selbst im schwachen Licht des Clubs strahlten wie LED Lampen, und mich aufmerksam musterten.
Und urplötzlich prasselten die Bilder aus der Vergangenheit auf mich ein.
Der schummrige Raum schien noch dunkler zu werden, und meine Kehle brannte, als hätte ich einen Lauf in der Wüste hinter mir. Ich merkte, wie ich zu zittern begann, und presste mir den Daumennagel in die Fingerkuppe des Zeigefingers, bis ich den Schmerz spürte. Es wirkte.
»Kyle?« Ich war mir nicht sicher, ob ich nach diesem Wüstenlauf nicht auf eine Fata Morgana reinfiel. Ich meine, es war unglaublich heiß im Club, zudem halb dunkel, die Lichtanlage schoss farbige Blitze durch die wabernde Luft – da konnte eine Luftspiegelung doch gut möglich sein, oder? Oder mein krankes Gehirn war im Alleingang unterwegs und verarschte mich einfach nur. Doch als mein Gegenüber die Augenbrauen zusammenzog und sich ein überraschter Ausdruck auf sein Gesicht legte, war mir klar: Ich träumte nicht. Vor mir stand Kyle Jenkins – in seiner eindrucksvollen Körpergröße. Mit den gleichen blauen Augen, die mich vor so vielen Jahren schon eindringlich unter die Lupe genommen hatten. Mit dem typisch unrasierten Kinn, das so herrlich über meine Haut gekratzt hatte, und dem unglaublich durchtrainierten Body, der ihm einst die Position als Quarterback im Team der Highschool eingebracht hatte. Mit denselben vollen Lippen, die so weich und gleichzeitig fordernd sein konnten. Seine dunkelblonden Haare waren perfekt gestylt, und sein herber Geruch stieg mir trotz Nebelmaschine und anderen Ausdünstungen im Club sofort in die Nase. Ich versuchte, nicht zu tief einzuatmen.
»Peg?« Ich hörte förmlich die Fragezeichen, die hinter meinem Namen in der Luft schwebten. Offensichtlich war er mir nicht zur »Rettung« geeilt, weil er mich erkannt hatte. Mit mir hatte er wohl nicht gerechnet. Und ich nicht mit ihm. Ich schluckte und versuchte, die Bilder aus meinem Kopf zu verscheuchen, die sich dort hartnäckig festgesetzt hatten.
Seine Stimme hatte nichts von ihrem Sexappeal verloren. Ich bemühte mich, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich sein unerwartetes Auftauchen verunsicherte. Es war sieben Jahre her. Sieben lange Jahre, in denen ich jedes Mal, wenn die Erinnerung ihre eiskalte Klaue nach mir ausgestreckt hatte, versucht hatte, ihr irgendwie zu entfliehen. Ich hatte ja gewusst – es waren nur üble Souvenirs meiner Vergangenheit. Jetzt aber stand er vor mir, live und in Farbe.
Er war fast zwei Meter groß, überragte mich trotz meiner High Heels noch um einen halben Kopf. Kein Wunder, dass der tätowierte Stinker gleich Reißaus genommen hatte. Mit Kyle wollte man sich nicht freiwillig anlegen. Sein Oberkörper war noch breiter geworden, seine Oberarme zeichneten sich definiert und sehnig unter seinem dunklen T-Shirt ab. Alles in allem war er immer noch eine verdammte Augenweide.
»Ich hätte nicht gedacht, dich mal wiederzusehen«, sagte er rau, mit dem Ansatz eines ungläubigen Kopfschüttelns, als ich nichts erwiderte. Gerade laut genug, dass ich ihn so eben verstehen konnte. Ich verspürte ein übles Ziehen in meinem Unterbauch und verfluchte mich dafür.
Ich räusperte mich, als ich begriff, dass ich ihn tatsächlich anstarrte. »Und ich hatte nicht gehofft, dich jemals wiederzusehen.«
Sein Augenlid zuckte. »Nicht?«
»Was? Hast du etwa geglaubt, ich würde mich freuen, dich zu sehen?«, schob ich hinterher, abgebrühter, als ich mich fühlte. Seine Nähe ließ mich eindeutig nicht kalt, aber ich war nicht mehr das Mädchen von damals. Falls er das erwartete, würde er sich noch wundern. Dennoch konnte ich den Schauer nicht verhindern, als er mich mit einem Blick taxierte, der mir durch alle Hautschichten drang. Scheiße! Ich musste hier weg, und zwar schnell. Aber meine Füße klebten an den Pfützen von Getränkeresten am Boden fest.
Er stieß einen leisen Pfiff aus, der im Kreischen der Musik unterging. »Du siehst gut aus«, hörte ich ihn sagen. Mir war nicht entgangen, dass auch er mich anstarrte, seinen Blick über meine Figur schweifen ließ, mich unter die Lupe nahm. Das Problem war, dass ich über ihn nichts Gegenteiliges sagen konnte, auch wenn ich es gerne getan hätte. Daher schüttelte ich nur den Kopf und machte einen Schritt, um mich an ihm vorbeizudrängen. Auf Komplimente von ihm konnte ich wirklich verzichten.
»Ich wünsch dir noch ein schönes Leben. Mach’s gut, Kyle«, sagte ich und löste meinen Blick von diesen blauen Augen, die mich wieder gefangen nehmen wollten. Das durfte ich aber auf keinen Fall zulassen. Niemals wieder würde ich mich von ihm einwickeln lassen. Weg. Nur weg von diesem Kerl!
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich aufhalten würde. Seine Finger umschlossen meinen Oberarm, brannten sich in meine erhitzte Haut wie eine Kohlenzange. »Peg, komm schon …«
Ich blieb stehen und warf ihm einen frostigen Blick zu. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, schneller als der Beat aus den Boxen. »Was. Willst. Du?«
Sein Augenlid zuckte ein weiteres Mal, und die langen Wimpern legten sich fast auf seine gebräunte Haut, als er die Augen für einen winzigen Moment schloss. »Lass uns was zusammen trinken, über alte Zeiten quatschen.«
Ich schnaubte ungläubig. Er hatte ernsthaft die Nerven, mir sowas vorzuschlagen? Ausgerechnet er? »Glaub mir, Kyle, lieber würde ich mit dem Typ von eben eine Nummer auf einem der klebrigen Tische schieben, als mit dir zu reden.«
Zu meinem Erstaunen hatten meine Worte nicht den gewünschten Effekt. Er grinste nur und lehnte lässig am Tresen. »Und das soll ich dir glauben?« Seine durchdringenden Augen bohrten sich in meine und ließen mich darin ertrinken. Die Unsicherheit griff erneut mit ihren unnachgiebigen Klauen nach mir. Wie ich das hasste! Ich zweifelte an mir selbst, während Menschen wie er – mit dem Charakter einer Mülltonne – vor Selbstbewusstsein nur so strotzten. Ich hätte kotzen können.
Stattdessen löste ich mich hastig aus seinem Blick und sah an ihm vorbei, beobachtete das bunte Treiben im Club und wünschte mir, ich wäre noch immer am Tanzen und nie an die Bar gegangen. Im Hintergrund sah ich Carrie weiterhin rumhüpfen und Joyce und Eric knutschend am Rand der Tanzfläche stehen, während Kyles Finger sich immer tiefer in meine Haut einbrannten.
»Komm schon, Peg. Wir haben uns ewig nicht gesehen. Lass uns reden.«
Ich stieß geräuschvoll den Atem aus. »Und wovon träumst du nachts? Was haben wir zwei schon miteinander zu bereden, Kyle?« Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Gespräch nach so langer Zeit noch etwas ändern würde. Ich hatte keine Lust, alles wieder aufzurollen. Und momentan auch gar nicht die Kraft dazu.
»Das weißt du doch genau.«
Jetzt sah ich ihm in die Augen. »Nein, Kyle, das weiß ich nicht. Was passiert ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Du hast dich wie ein Arschloch benommen – ach was, wie eine ganze Horde Arschlöcher! – und mich damit nicht nur unglaublich verletzt, sondern auch vor allen anderen bloßgestellt. Das kann ich nicht verzeihen. Ich sage dir jetzt mal was: Du«, ich drückte mit meinem Zeigefinger gegen seine stahlharte Brust, »bist der Letzte, mit dem ich jemals wieder reden will! Also nimm deine Dreckpfoten von mir und lass mich gehen«, brach es verbittert aus mir heraus. Von Besonnenheit keine Spur mehr, ein lässiger Abgang sah anders aus. Aber das war mir egal. Ich wollte nur noch weg von ihm.
Er antwortete darauf nichts, aber sein Griff lockerte sich so weit, dass ich ihm endlich meinen Arm entziehen konnte. Ich widerstand dem Drang, mir über die prickelnde Stelle zu reiben, die er mit seinen kräftigen Fingern berührt hatte.
»Ich will dich nie wiedersehen«, sagte ich mit fester Stimme. Dann drehte ich mich um und ging. Und wusste ganz genau, dass ich gelogen hatte.

5. Kyle

Sie würdigte mich keines Blickes mehr und war in dem Gewühl des Clubs untergetaucht, bevor ihre Worte mein Gehirn erreicht hatten.
Ich will dich nie wiedersehen.
Fuck! Hätte ich mich doch nur mit der Rothaarigen eingelassen, anstatt diesem Knackarsch hinterherzulaufen. Ihrem Knackarsch.
Hätte ich geahnt, dass er Peg gehörte, wäre ich nie … Oder doch? Das Ganze war schon viel zu lange her, als dass ich mich noch an jedes Detail hätte erinnern können. Was ich aber nie vergessen würde, war ihr verletzter Gesichtsausdruck, nachdem sie begriffen hatte, was für ein Arsch ich gewesen war. Okay, ich konnte ihre Reaktion irgendwie nachvollziehen.
In den letzten Jahren hatte ich nicht mehr an sie gedacht, auch nicht damit gerechnet, sie jemals wiederzusehen. Und schon gar nicht damit, dass sie sich so krass verändern würde. Von dem verschüchterten, pummeligen Mädchen keine Spur mehr. Sie hatte eine ganz schön freche Klappe, und sie war selbstbewusster geworden. Die Tattoos verliehen ihr etwas Verruchtes, das ich sehr sexy fand. Sie hatte einige Kilos verloren, seitdem ich sie vor sieben Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Die Ringe um die Hüften hatten einer schmalen Taille Platz gemacht und feste, kleine Brüste zeichneten sich unter ihrem engen Top ab. Und ihr Hintern … hmm … Ihre Figur war absolut heiß. So sehr, dass ich ziemlich scharf auf sie gewesen war, als ich sie auf der Tanzfläche bemerkt hatte. Aber das war nicht der Grund gewesen, warum ich sie um einen Drink gebeten hatte. Ich hatte mich gefreut, nachdem ich sie erkannt hatte, und tatsächlich mit ihr reden wollen. Wissen, was sie so getrieben hatte in den letzten Jahren, wie es ihr ergangen war. Woher ihre Tattoos kamen, was sie bedeuteten und wie zum Teufel sie sich so verändert hatte. Zu ihrem Vorteil wohlgemerkt.
Aber da hatte sie wohl andere Pläne gehabt. Das kratzte ein wenig an meinem Ego, aber viel unangenehmer war es, an die Geschichte von damals erinnert zu werden. An den einen Fehler, den ich bis jetzt erfolgreich in mir vergraben hatte. Fuck!
Okay, den Abend hatte sie mir damit verdorben, mein Schwanz lag schlaff in meiner Hose. Ich hatte keinen Bock mehr, noch länger hierzubleiben. Matt würde sich bald mit Lucy vergnügen. Und ich? Ich sollte besser gehen.
Ich schob mich durch das Gedränge. Aufgrund meiner Größe und Körpermasse teilte sich die Menge wie Moses das Meer. Als ich durch die Zwischentür trat, sah ich Pegs blonden Haarschopf am Ausgang. Innerhalb von Sekunden war ich hinter ihr und stellte mich neben sie, um meine Jacke abzuholen, als sie ihre an der Garderobe entgegennahm.
Sie sah mich nicht an, warf stattdessen dem gepiercten Typen hinter dem halbhohen Tresen ein Lächeln zu, verabschiedete sich von ihm und schob sich ohne ein Wort, ohne einen Blick an mir vorbei. Als würde sie mich nicht kennen.
»Du läufst also immer noch vor allem weg, ja?«, rief ich ihr hinterher.
Mitten im Schritt stoppte sie und drehte sich mit Schwung um, funkelte mich erbost an. Ich sah, wie ihre Schultern sich kraftvoll hoben und senkten, als müsste sie tief durchatmen, bevor sie antworten konnte.
Warum lasse ich sie nicht einfach gehen?
»Du hast dich kein Stück verändert, oder? Immer noch der selbstgerechte Typ von damals. Tut es dir gut, mir nachzustellen und mich daran zu erinnern, wie schlecht es mir damals ging? Macht dir das Spaß? Ich habe dich gebeten, mich in Ruhe zu lassen. Warum kannst du mir den Gefallen nicht einfach tun? Ach, ich weiß! Weil du immer deinen Willen bekommen hast. Immer tanzt alles nach deiner Pfeife. Aber rate mal: Ich mach da nicht mehr mit.« Abwehrend hob sie die Hände und schüttelte den Kopf, dass der Haarknoten auf ihrem Kopf wippte, als ich meinen Mund öffnete. Ihre Augen, eine Mischung aus Grün und Blau, glühten fast, als mich ihr Blick voller Abscheu traf. Fehlte nur noch, dass sie die Zähne fletschte.
»Ich bin gar nicht so ein übler Kerl, wie du denkst«, widersprach ich.
Aber Peg rümpfte nur die Nase und zeigte auf die Tür zum Club in meinem Rücken. »Da drinnen gibt es sicher reichlich Püppchen, denen du das erzählen kannst und die höchstwahrscheinlich blöd genug sind, es dir auch noch abzunehmen. Bei mir bist du damit an der falschen Adresse. Aber wer weiß? Vielleicht hast du sie ja auch schon alle durch?«
Das war ein Tritt in die Eier. »Du weißt doch rein gar nichts von mir.«
»Und das ist auch gut so!« Sie wollte weitergehen, aber ich holte sie mit drei Schritten ein und stellte mich ihr in den Weg.
»Warum bist du so bitchig?«, platzte ich jetzt unbeherrscht heraus. Sie würde mich nicht einfach stehenlassen.
»Warum …? Oh, lass mich nachdenken. Vielleicht weil du es warst, der sich mir gegenüber wie eine lächerliche Bitch verhalten hat?«
»Peg, das ist sieben Jahre her! Ich war jung und dumm. Mach doch nicht so ein Fass deswegen auf«, verteidigte ich mich halbherzig. Es sollte mir doch sowas von egal sein, was sie von mir dachte. Ich begriff nicht, warum ich versuchte, mich zu rechtfertigen. Aber ich tat es.
Sie verkniff nur angewidert das Gesicht. »Und dass du jetzt vor mir stehst und so einen Mist laberst, zeigt, dass sich daran nichts geändert hat.« Sie umklammerte ihre Jacke fester, machte erneut einen Schritt zur Seite und schob sich nun endgültig an mir vorbei. Ich drehte mich um und sah ihr hinterher. Auf ihren Knackarsch.
Dann setzte ich mich in Bewegung, folgte ihr nach draußen. Ich sollte sie ziehen lassen und das tun, was sie mir empfohlen hatte: Mir eine von den Mädels im Club suchen, die sich mit Kusshand und ohne Fragen zu stellen von mir flachlegen lassen würden. Stattdessen lief ich ihr hinterher und stellte mich neben sie, während sie wie wild auf ihrem Handy rumtippte. Sie ging mir knapp bis zur Schulter. Als sie mich bemerkte, sah sie zu mir auf und streckte mir die Zunge raus. Ernsthaft?
Ich war so perplex über diese Reaktion, dass ich lauthals anfing zu lachen.
»Ach, das findest du also witzig?« Sie zog eine Braue nach oben, steckte ihr Telefon in die Jackentasche und stemmte dann ihre Fäuste in die Hüften. Sie sah aus wie ein kleiner Kampfzwerg.
»Hey, es tut mir leid.« Ich hob die Hände, wie zum Beweis einer Entschuldigung. Für was auch immer. Es gab ja einiges, für das ich mich bei ihr entschuldigen könnte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich das bisher nie getan hatte. Aber nach der Sache damals hatte sich die Gelegenheit nicht ergeben, und irgendwann hatte ich es auch einfach vergessen. Bis jetzt.
»Das gibt bestimmt Punkte auf deinem Karmakonto.«
»Karmapunkte sind mir ziemlich egal.«
»Was bezweckst du dann mit deinem Gesülze?«
Ganz ehrlich? Ich wusste es selbst nicht. Ich sollte gehen. Jetzt.
Nach Sekunden, die mir vorkamen wie eine Ewigkeit, schüttelte sie wie ermattet den Kopf. »Ich bin fertig mit dir. Hätte ich damals schon gewusst, was für ein mieser Typ du bist, hätte ich mich niemals von dir küssen lassen.«
»Aber es hat dir gefallen«, behauptete ich.
»Das gibt es ja nicht! Du leidest echt unter Größenwahn.«
»Es hat dir gefallen«, wiederholte ich und sah sie eindringlich an.
»Du willst es wirklich wissen?« Ich nickte. »Nein. Es hat mir nicht gefallen.«
Ich stellte mich vor sie, sah auf sie herunter. »Sicher?«
»So sicher wie du alles fickst, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.«
Ich trat unmerklich näher, es war so schon nicht mehr viel Platz zwischen uns gewesen, aber jetzt konnte ich ihre Wärme spüren, ihren Duft einatmen, obwohl wir uns nicht berührten. Sie wich nicht zurück. Stattdessen funkelte sie mich an, reckte mir kampflustig ihr Kinn entgegen und verengte ihre Augen. Sie war sich anscheinend sehr sicher.
Bevor sie mich aufhalten konnte – bevor ich begriff, was ich tat –, hielt ich sie schon an den Armen fest, senkte meinen Kopf und drückte meine Lippen auf ihre. Hart und fordernd.
Und wie ich es vorausgesehen hatte, verschloss sie sich mir nicht. Ganz im Gegenteil. Nach dem Überraschungsmoment, der eindeutig auf meiner Seite war, öffnete sie ihren Mund. Meine Zunge leckte nach ihrer, erst zurückhaltend, dann, nach ein, zwei Sekunden, spielerisch. Sie schmeckte so gut, nach Bier und Kaugummi. Ein leiser Laut drang aus ihrer Kehle, ob aus Gegenwehr oder vor Erregung konnte ich nicht eindeutig heraushören. Ich biss ihr noch einmal leicht in die Unterlippe, bevor ich mich wieder von ihr löste und mich langsam zurückzog.
Als sie die Augen öffnete, fand ihr Blick sofort meinen, und ich sah die Verwirrung darin.
Ich konnte nicht anders, als sie anzugrinsen. »Aber das hat dir gefallen«, stellte ich fest.
Unzählige Emotionen flackerten über ihre Züge – Schock, Erregung, Zweifel, Reue. Dann wandelten sie sich in Verachtung. Und bevor ich registrierte, was geschah, scheuerte sie mir eine.
»Verschwinde aus meinem Leben, Kyle Jenkins. Und komm mir nicht noch einmal unter die Augen!«
Sie wandte sich ab, stürzte zur Straße, hob den Arm, und das nächste Taxi hielt neben ihr. Ohne einen weiteren Blick an mich zu verschwenden stieg sie ein, dann setzte das Auto sich mit ihr auf dem Rücksitz in Bewegung.
Ich blieb mit brennender Wange zurück, sah ihr nach, bis die Rücklichter des Taxis nicht mehr zu sehen waren. Dann drehte ich mich um, ging wieder in den Club, schnappte mir die Rothaarige und zog sie in Richtung der Toiletten.

Ende der Leseprobe

Hat es dir gefallen?

Dann bestelle dir dein eBook gleich hier beim Verlag oder auf Amazon.