Alice

»Sawyer! Bist du nicht eben da aus der Tür raus?« Ein ziemlich großer, sexy Kerl mit dunklen Haaren und unglaublich intensiv blickenden Augen stand vor einem langen Tresen und kam uns mit einem Tablett in der Hand entgegen, als ich hinter meinem neuen Bekannten Sawyer das King’s Legacy betrat. Die Geräuschkulisse haute mich um. Natural von Imagine Dragons dröhnte uns entgegen. Im Gegensatz zu der Stille in der Gasse war es hier enorm laut. Musik, Stimmengewirr, Gelächter und das Klirren von Gläsern ließen die Lautstärke in die Höhe schießen. Worauf hatte ich mich eingelassen? Nichts wollte ich mehr, als meine Ruhe haben. Das schien hier unmöglich. Ich sollte mich umdrehen und gehen. Das war eine total dämliche Idee. Aber es war zu spät, um kehrtzumachen und mich unter dem nächsten Stein zu verkriechen.
»Jaxon, das ist Alice. Eine … alte Freundin. Wir haben uns eben zufällig an der Straße getroffen und beschlossen, noch was zu trinken«, stellte Sawyer mich vor und kämpfte dabei gegen die laute Musik an, die ein DJ hinter dem Tresen auflegte. »Alice, das ist Jaxon King, der Besitzer der Bar und mein Freund.«
Jaxon guckte Sawyer skeptisch an, eine einzelne Augenbraue zog sich nach oben. Mein Blick schnellte ebenfalls in Sawyers Richtung. Eine alte Freundin? Ich warf ihm einen fragenden Blick zu, den er stumm erwiderte. Er sagte so viel wie: Was hätte ich sonst sagen sollen? Dass du heulend vor der Bar gehockt hast und ich dich aufgegabelt habe?
Nein, eher nicht. Die Wahrheit wäre tatsächlich unpassend gewesen. Also nickte ich ergeben und hielt meine Klappe. Der Stein, unter dem ich mich verkriechen wollte, verschwand immer mehr in unerreichbare Ferne.
Jaxons Blick wanderte zu mir, und ein freundliches Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Ein einstudiertes Barkeeper-Lächeln. Ich hatte ein einstudiertes Ärztinnen-Lächeln drauf, um meine Patienten zu begrüßen oder zu beruhigen. Um zu signalisieren, dass alles in Ordnung war. Genau damit erwiderte ich seines. Vielleicht half es, mich vor neugierigen Nachfragen zu bewahren. Keine Ahnung, wie gut die beiden sich kannten, wie nahe sie sich standen.
»Na dann, herzlich willkommen im King’s, Alice. Da hinten ist noch ein Tisch frei, wenn ihr etwas ungestörter sein möchtet, um euch zu unterhalten.« Ich hätte schwören können, dass dies ein Seitenhieb war, der ihm Spaß gemacht hatte. Entweder brachte Sawyer ständig Frauen mit hierher oder aber nie. Ich tippte auf Ersteres und fragte mich in dieser Sekunde, ob ich wirklich eine Nummer auf seiner Liste sein wollte. Andererseits war das hier kein Date. Ich hatte klar gemacht, dass außer einem Drink nichts laufen würde. Nicht das kleinste Bisschen. Und deswegen sollte es mir egal sein. Ich hatte gerade wirklich andere Sorgen, als über das Sexleben eines Anwalts nachzudenken, um das er selbst sich mit Sicherheit überhaupt keine Gedanken machen musste.
Doch selbst in meinem desaströsen Zustand musste ich zugeben, dass dieser Kerl wirklich nicht von schlechten Eltern war. Verdammt! Er war fast einen Kopf größer als ich, und seine breite Brust sowie seine ganze Statur zeigten mir, dass er irgendeine Art Kraftsport machte. Er war der absolute Beschützertyp. Sein Blick war wachsam, klar, er war Anwalt, vermutlich entging ihm nichts, was um ihn herum passierte. Und sein Lächeln war umwerfend. Ein Lächeln, das einen vergessen ließ, woher man kam, wohin man wollte und wer man überhaupt war. Ja, ich war mir sicher – er brauchte sich um mangelnde Aufmerksamkeit von Frauen keine Sorgen zu machen. Aber ich fragte mich, warum er nachts alleine rumlief und dann ausgerechnet mich von der Straße auflas. War er wirklich einfach nur nett und wollte helfen? Oder erhoffte er sich doch mehr? Dann würde ich ihn enttäuschen. Bitter enttäuschen.
»Alles klar, Jax«, hörte ich Sawyer sagen, nachdem die beiden noch ein paar Worte gewechselt hatten. Daraufhin berührte er mich leicht am Arm. »Gehen wir?« Ich starrte ihn an. Er war ein völlig Fremder, der mich beim Heulen in einer dunklen Gasse erwischt hatte. Genau. In einer dunklen Gasse. Und er hat dir nichts getan. Okay. Ein Drink.
Ich nickte automatisch und Sawyer dirigierte mich an dem langen Tresen vorbei in eine ruhigere Nische, in der ein zum Tisch umgebautes Rumfass mit einem knallroten Ledersofa und zwei schwarzen Stühlen stand. Ich setzte mich sofort auf das Sofa, das mit der Lehne an der Wand stand und den Blick in den Raum ermöglichte. Ich hasste es, mit dem Rücken zum Geschehen zu sitzen. Wobei das hier eine willkommene Abwechslung gewesen wäre, denn hinter mir an der Wand hingen mehrere Schwarz-Weiß-Fotografien in verschiedenen Bilderrahmen, die zusammen ein harmonisches Bild ergaben. Trotzdem war mir ein Blick in den Raum lieber.
Während ich mich setzte, sah ich mich verstohlen in der Bar um, die fast bis auf den letzten Platz besetzt zu sein schien. Auf einer kleinen Tanzfläche zwischen Tresen und Wand tanzten ein paar Leute zu den Beats, die der DJ auflegte. Am Tresen wurde getrunken, während wieder andere an den Tischen zusammensaßen und sich unterhielten. Ich musste zugeben, dass ich die Mischung aus neu und alt mochte. Die Wände waren nur verputzt, der Boden schien reiner Beton zu sein, die Decken waren hoch und gut ausgeleuchtet, der Tresen zog sich über die ganze Länge des gemütlich beleuchteten Raums, dahinter befanden sich imposante Regale, in denen Gläser und Flaschen aufgetürmt waren. Ein Mekka für jeden Alkoholiker. Dazwischen eine runde, pizzatellergroße Wandleuchte, auf der dasselbe Logo prangte wie auf der Tür draußen. Der Schriftzug King’s Legacy, eingefasst in ein kreisrundes Ornament. Edel. Wirklich edel.
Sawyer zog seine Jacke aus, hängte sie über einen der Stühle. Mein Blick blieb an seiner nicht zu breiten, aber durchtrainierten Brust hängen, die sich unter dem eng anliegenden T-Shirt abzeichnete. Vielleicht fiel es mir auch nur auf, weil ich mit der Anatomie des menschlichen Körpers so vertraut war. Egal aus welchem Grund – nicht nur sein Oberkörper war nett anzusehen.
Seine Augen faszinierten mich. Sie hatten die Farbe von silbrigem Stahl vor einem leuchtend blauen Himmel. Ihr Ausdruck war irgendwie schwermütig, ein Widerspruch in sich. Sie blickten freundlich, aber ich war mir sicher, dass sich hinter ihnen ein tiefer Abgrund verbarg. Er hatte einen eindringlichen Blick, der mir durch und durch ging und mich dazu brachte, mich zu fragen, was er in seinem Leben schon Schlimmes gesehen hatte. Aber das würde ich lassen. Ich kannte solche Typen.
Ein Drink. Mehr nicht.
Also hörte ich auf, über seinen Seelenzustand zu sinnieren, und scannte ihn weiter ab: dunkle Wimpern, geschwungene Augenbrauen, eine gerade Nase, ein ziemlich hübscher Mund und ein kantiges Kinn, das allerdings von einem dunklen Dreitagebart überzogen wurde. Der Aufdruck seines dunkelblauen T-Shirts war völlig verwaschen und kaum mehr zu erkennen. Sicher war dieser nachlässige Look gewollt. Dazu Jeans und Converse. Und die dunkelblaue, dünne Canvasjacke, die über dem Stuhl hing. Ich dagegen ließ meine Jacke an. Mich fröstelte es trotz der Hitze hier drin.
Sawyer setzte sich mir gegenüber, und um ihn nicht länger so unhöflich anzustarren und um meine Finger zu beschäftigen, nahm ich die schwarze Getränkekarte in die Hand, in der in einer Ecke klein, aber mit fetten Buchstaben das Logo der Bar aufgedruckt war. King’s Legacy. Wessen Vermächtnis das wohl war? In der wievielten Generation gab es die Bar schon? Hatte er mit dem Vermächtnis überhaupt etwas zu tun, oder war der Name der Bar willkürlich gewählt?
»Hey, was kann ich euch bringen? Oh, Sawyer, hi!« Eine Rothaarige mit einem strahlenden Lächeln stand wie aus dem Nichts vor unserem Tisch. So vertraut, wie sie ihn begrüßte, kannte sie ihn schon länger. Ihre schmale Hand legte sich kurz auf seine Schulter. »Ich dachte, du wärst gegangen?«
Sawyer grinste gequält und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. »Ja, aber …«
Sie sah ihn kurz skeptisch an, bevor sie sich mit einem freundlichen Lächeln mir zuwandte. »Ich bin Hope.«
»Alice.« Ich erwiderte ihren Gruß mit meinem künstlichen, festgefrorenen Ärztinnenlächeln. Mir war nicht nach Fröhlichkeit. Ich wollte jetzt endlich meinen Drink. Und dann meine Ruhe.
»Was kann ich euch bringen?«, fragte sie noch einmal und sah mich dabei an.
»Oh … Irgendwas Starkes wäre gut.« Ich blätterte unschlüssig in der Karte, in die ich noch nicht einen Blick geworfen hatte. Dann sah ich Sawyer an. »Bestellst du mir bitte was?«
Er nickte und wandte sich dann an Hope. »Bring uns doch bitte zwei Bootlegger.«
»Ein glasklarer High Proof Cocktail. Gute Wahl. Kommt sofort.« Hope nickte, dann drehte sie sich um und verschwand im Gewühl. Ich rang mich zu einem Lächeln durch.
»Sie ist nett«, stellte ich dann fest, ohne Sawyer dabei anzusehen. Stattdessen blickte ich in die Richtung, in die Hope verschwunden war. Irgendwo hinter dem langen Tresen, vor dem in Dreierreihen Gäste standen, erhaschte ich einen Blick auf ihren Rotschopf.
Er nickte.
»Jaxon ist also dein Freund?«, fragte ich, obwohl ich es doch schon wusste. Ich hörte mich an wie ein Roboter. Monoton und blechern und absolut nicht in der Lage, klar zu denken. Der Tag hatte mich geschlaucht und lag schwer auf meinem Gemüt. Ich war eine schlechte Gesellschaft.
»Ich hänge ab und an hier rum, wenn ich nicht schlafen kann.« Die kratzige Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken. Seine Finger spielten mit der Getränkekarte, die ich gerade beiseitegelegt hatte, mir fielen die gepflegten Fingernägel auf.
»Du leidest an Schlaflosigkeit?«
»Manchmal.«
»Das kenne ich«, gab ich mit einem Achselzucken zu, als wäre es das Normalste der Welt, an Schlafstörungen zu leiden.
Hope steuerte mit einem Tablett an den Tisch zu und servierte uns mit einem charmanten Lächeln zwei Drinks in einer Art Einmachgläsern, auf einem Haufen Eis.
»Zwei Bootlegger. High Proof Cocktails serviert in traditionellen Mason Jars. Bitte sehr«, erklärte Hope. Der Drink roch nach Limette, war garniert mit Zitrone und Basilikum. Eine interessante Mischung. Ich war gespannt, wie es schmeckte.
Sawyer sah Hope nach, als sie zum nächsten Tisch ging. Ich ebenfalls, verstohlen. Von hinten war sie in ihrer schwarzen Hose und in der weißen Bluse genauso attraktiv wie von vorne. Sie versprühte gute Laune. Das war heute definitiv nichts für mich. An jedem anderen Tag hätte es mich wahrscheinlich interessiert, wie dieser wirklich attraktive Mann und die hübsche Kellnerin zueinander standen. Aber nicht heute. Heute hatte ich kein Bedürfnis, mir um andere Gedanken zu machen. Ich war nicht hier, um mit ihm Spaß zu haben oder so etwas. Ich war hier, weil ich scheiße drauf war und er angeblich ein guter Zuhörer. Eine deprimierende Location und eine schlecht gelaunte Kellnerin wären mir lieber gewesen.
»Hope gehört zu Jaxon«, hörte ich ihn sagen.
Obwohl ich ja beschlossen hatte, kein Interesse an ihm zu haben, gab mir diese Information auf einen Schlag ein besseres Gefühl.
Ich bemerkte, dass ich ihr immer noch hinterher sah. Sie beobachtete, während sie mit den Gästen plauderte und lächelte. Immer wieder lächelte. Sie sah so verdammt glücklich aus. Neid stieg in mir auf, doch ich wischte ihn harsch beiseite und sah auf. Direkt in Sawyers stahlgraue Augen. »Sie ist die Freundin vom Boss«, wiederholte er. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte ihm nicht zugehört. Hatte ich aber. Ich mochte den Klang seiner Stimme. Dunkel, warm und ein bisschen kratzig. Wie derbe Wollhandschuhe auf weicher Haut. Gänsehaut lief über meinen Körper. Ich fröstelte erneut und zog meine dünne Jacke etwas enger um mich. Hätte ich mir doch bloß einen heißen Kaffee bestellt, der mich von innen hätte wärmen können, anstellte dieses übergossenen Eisbergs vor mir. Aber ich griff zu meinem Drink und legte meine Finger darum. Sie waren ebenso kalt wie das Glas.
Seine langen, schlanken Finger schlossen sich ebenfalls um seinen Drink, die klare Flüssigkeit schwappte gegen die Eiswürfel wie das Meer gegen Felsen. Er hob das Glas und stieß behutsam gegen meins. »Auf bessere Tage.« Seine Stimme kratzte über meine Haut, sein Blick drang wieder in mich, in die hintersten Winkel, und hinterließ ein misstrauisches, aber auch irgendwie neugieriges Gefühl in meinem Innersten.
Ich prostete ihm zu und nahm durch den Strohhalm einen großen Schluck. Dann hustete ich. »Teufel noch mal!«
Er schmunzelte. »Stark genug?«
»Er ist gut«, krächzte ich. Obwohl der Cocktail in meinem Hals brannte wie die Hölle, tat er gut. Er ätzte den zähen Kloß weg, der seit dem Tod des Mädchens in meiner Kehle feststeckte und dafür sorgte, dass ich mich schlecht fühlte. Aber ich sollte mich nicht schlecht fühlen. Ich hatte getan, was in meiner Macht gestanden hatte. Mehr war nicht möglich gewesen. Doch Theorie und Praxis waren zwei Paar Schuhe.
»Willst du mir erzählen, was passiert ist?«, unterbrach Sawyer mein stummes Zwiegespräch. Er klang neutral. Nicht wertend oder neugierig. Fast wie einer dieser Psychologen im Krankenhaus, mit denen man sprechen musste, wenn man ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten hatte. Vielleicht sogar eine Spur gelangweilt, aber das konnte auch täuschen. Ich sah kurz hoch, vermied es aber, ihn zu lange anzusehen. Seine Augen waren zu tief, um nicht darin zu versinken.
»Ich weiß nicht. Will ich das?« Ich fühlte mich unfähig, noch eine Entscheidung zu treffen. Ich war leer. Mein Kopf war leer. Aber was noch viel schlimmer war – mein Herz war leer. Bis auf das Blut, das kontinuierlich durch das Zentrum meines Körpers pumpte und es somit am Leben hielt, war es leer. Keine Gefühle, keine Regung, nichts. Leer. Ausgebrannt. Ausgelaugt. Erschöpft. Ich nahm einen weiteren Schluck des harten Cocktails. Sawyer hatte genau das Richtige ausgewählt.
»Ich habe heute Gott gespielt«, presste ich dann heraus und erschrak fast über meinen boshaften Tonfall. Ich klagte mich selbst an. Super. Das zum Thema, ich hätte keine Schuld am Tod meiner Patientin gehabt.

Mit einem Schnauben hob ich das Glas ein weiteres Mal, nahm den Strohhalm zwischen meine Lippen und trank. Fast hätte ich noch mal husten müssen, so sehr brannte mein Hals, aber nach ein paar Sekunden wärmte die Mischung aus klarem Gebrannten und Limettensaft mich endlich, und die dunstige Glocke, unter der ich mich seit einigen Stunden befand, lichtete sich etwas.
Sawyer neigte den Kopf, runzelte die Stirn, aber sagte kein Wort. Er wartete. Darauf, dass ich weitersprach, mehr erzählte. Aber wollte ich das? Einem Wildfremden mein Herz ausschütten? Doch dann begann der Schnaps, meine Zunge zu lösen.
»Es war eine Lungenembolie.«
Sawyer runzelte die Stirn. Klar, er war kein Kollege. Also begann ich, ihm den Ablauf mit möglichst einfachen Worten zu schildern: »Das Mädchen wurde mit Atemnot eingeliefert. Sie hatte starkes Herzrasen und gerade, als wir sie untersuchten, wurde sie bewusstlos. Dann ließ die Tachykardie, entschuldige … ihr Herzrasen nach. Herzstillstand. Ich habe sie reanimiert, aber … aber ohne Erfolg.« Ich trank einen weiteren Schluck. »Sowas kann vorkommen. Gerade bei Mädchen in dem Alter. Sie schlucken die Antibabypille und die kann Gerinnungsstörungen verursachen.« Wieder machte ich eine kurze Pause. »Aber auch bei Schwangerschaften ist das Risiko einer Embolie erhöht. Das liegt an der hormonellen Veränderung und daran, dass der Blutfluss durch die wachsende Gebärmutter immer mehr behindert wird.«
»War das Mädchen schwanger?«, fragte er leise, als ich nicht weitersprach.
Ich nickte langsam. »Ich … wir haben getan, was wir konnten, aber …« Ich hörte die Verzweiflung in meiner Stimme, und so beschämend das in jedem anderen Moment gewesen wäre – ich hasste es, schwach zu sein -, hier und jetzt war es okay. Sawyer sah mich nicht mitleidig an, gab keine leeren Floskeln von sich oder aufmunternde Worte wie »Alles wird gut«. Wofür ich ihm sehr dankbar war. Er saß einfach nur da und hörte mir zu. Wie er es gesagt hatte. Einzig in seinen Augen erkannte ich etwas Mitgefühl. Ein bisschen Wärme durchbrach den grauen Stahl. Wie Sonnenschein eine dichte Wolkendecke.
Ich atmete tief durch. »Ich habe … wir haben alles versucht, aber das Blutgerinnsel war einfach zu groß, es hat die Lungenarterie verstopft. Wir konnten weder sie noch das Baby retten. Sie war in der sechzehnten Schwangerschaftswoche.« Es fiel mir schwer loszulassen. Mir war klar, dass eine Sechzehnjährige vermutlich nicht geplant schwanger wurde. Ich wusste auch, dass die Probleme dieses Mädchens nicht meine Baustelle waren, aber ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Auf welche Weise war das Kind gezeugt worden? War sie geliebt worden oder vergewaltigt? »Ihre Eltern … Sie war erst sechzehn. Sie hatte noch ihr ganzes Leben vor sich.«
Mit dem letzten Satz war es, als fiele die Last, die sich seit dem Tod des Mädchens auf meine Schultern geladen hatte, ein zweites Mal und diesmal mit doppelter Wucht auf mich. Mit schweren Fingern tastete ich nach meinem Glas. Das Eis war mittlerweile geschmolzen. Ich umfasste es, zog den Strohhalm raus und stürzte den Rest Schnaps mit einem Schluck runter. Das Brennen erinnerte mich daran, dass ich noch lebte, während ein sechzehnjähriges Mädchen tot war. Am liebsten hätte ich das Glas irgendwo gegen geschleudert, meinem Frust über diese Ungerechtigkeit freien Lauf gelassen. Es. War. Nicht. Fair. Und auch wenn ich wusste, dass es falsch war – ich machte mir Vorwürfe und fragte mich wieder und wieder: Hatte ich wirklich alles für sie getan?
»Kann ich noch so einen haben, bitte?«, bat ich. Ich brauchte mehr Alkohol.
Aus dem Augenwinkel sah ich Sawyer ein Handzeichen geben, kurz darauf stellte sich wie von Zauberhand ein neuer Drink vor mich. Sawyer bedankte sich bei irgendjemandem, und als wir wieder allein waren, hob ich den Kopf, um ihn anzusehen. Sein Blick war unverändert. Ich kann gut zuhören.
»Ich wusste schon als Kind, dass ich Ärztin werden wollte. Ich war fünf, als mein Vater eine Karriere als Krimineller anstrebte und meine Mom ihn letztlich rauswarf. Vor ein paar Jahren ist er dann endgültig im Knast gelandet. Er hat nie Unterhalt gezahlt, und sie versuchte mit mittelmäßigen Jobs, uns über Wasser zu halten.«
»Was hat er getan, dass er ins Gefängnis musste?«, wollte Sawyer wissen.
Ich hob den Blick und sah ihn an. Die Neugier war vermutlich seinem Job als Anwalt geschuldet. »Keine Ahnung«, antwortete ich. Dabei wusste ich es genau. Doch warum sollte ich einem Mann, den ich nicht kannte und vermutlich auch nie wiedersehen würde sagen, dass mein Vater wegen Mordes verurteilt worden war und für den Rest seines Lebens im Gefängnis saß?
»Granny hat sich um mich gekümmert, wenn Mum arbeiten ging. Ich habe sie über alles geliebt. Aber dann …« Ich schluckte die Tränen runter, die beim Gedanken an die Vergangenheit hochkommen wollten, und trank noch einen Schluck Alkohol. »Meine Großmutter ist vor meinen Augen von einem Auto erfasst worden. Und in meinen Armen gestorben. Ich war zehn. Das war der Moment, wo ich es wusste.« Ich weiß nicht, ob ich ihn damit schocken wollte, aber selbst wenn – er ließ sich nichts anmerken. »Seit zehn Jahren arbeite ich nun im Presbyterian, seit vier Jahren bin ich Unfallchirurgin in der Notaufnahme. Ich habe jahrelang gelernt, gelernt, gelernt und einen Haufen Schulden angehäuft. Und wofür?« Ich hob meinen Kopf und starrte Sawyer an. »Sie ist tot. Tot verdammt.« Tot wie meine Großmutter.
Niemals würde ich die schreckgeweiteten Augen meiner Granny vergessen, bevor sie bewusstlos geworden war. Nie wieder würde ich diesen Blick loswerden. Sie hatte Angst gehabt, und noch immer war es, als würde ihr Geist mich heimsuchen, mich begleiten, mich quälen. Weil ich ihr nicht hatte helfen können. Wann würde ich endlich darüber hinwegkommen und aufhören zusammenzubrechen, wenn ein Patient starb?
Ich trank einen weiteren Schluck. Der Klammergriff in meiner Brust lockerte sich mit jedem Schluck ein bisschen mehr. Wie viele Drinks würde ich brauchen, um ihn ganz zu lösen? Ich war bereit, es herauszufinden. Ich hatte nichts weiter mehr vor heute.
»Nachschub?«, murmelte ich und sah Sawyer an.
Er zögerte, aber dann winkte er Richtung Tresen, und wie durch Magie schwebte wenige Minuten darauf der nächste Cocktail vor meiner Nase. Bisher hatte ich noch nie einen solchen Schnaps getrunken, geschweige denn so schnell runtergestürzt. Bisher hatte ich sowieso wenig Alkohol getrunken. Wann auch? Ich hatte doch nie Zeit zum Ausgehen oder Feiern. Und wenn, dann war mein Pieper meistens mein ständiger Begleiter. Bereitschaftsdienste wurden gut bezahlt, ich war Single, also riss ich mich um diese Schichten. Mein Zuhause war das Krankenhaus.
»Danke«, sagte ich und merkte, wie meine Zunge langsam schwer wurde. Ich beschloss, diesen Drink nicht so schnell zu vernichten, und nippte diesmal nur dran.
»Ich verstehe dich. Das ist hart.«
Mein Kopf flog hoch, herausfordernd funkelte ich den Kerl an, der mir gegenübersaß und schnaubte. »Du verstehst das?« Langsam schüttelte ich den Kopf. »Das kannst du nicht. Niemand kann das. Oder ist dir auch schon mal jemand unter den Händen weggestorben?«
Sawyer schluckte, sein Adamsapfel bewegte sich schwer, sein Blick wurde für einen winzigen Moment wehmütig. Er trank ebenfalls von seinem – wohlgemerkt ersten – Drink und lehnte sich dann auf dem Stuhl zurück, als bräuchte er dringend Abstand von mir. Seine Kiefer pressten sich aufeinander, das brachte eine harte Kontur in seinem Gesicht zum Vorschein. Er sah aus wie in Stein gemeißelt. Für einen kurzen Moment war er das auch. Das spürte ich. Er zog in eben dieser Sekunde die Mauer aus Stein höher, die er irgendwann einmal schon um sich gebaut hatte. Niemals würde ich da einen Blick drüber, geschweige denn dahinter werfen können. Das verbot er mir in eben diesem Augenblick. Mit aller Deutlichkeit. Und dann war es vorbei. Er trank noch einen Schluck, sah an mir vorbei und bemühte sich offensichtlich, nicht über die Wunde nachzudenken, die ich gerade aufgerissen hatte. Und Shit! Ich hatte eine Wunde aufgerissen, da war ich mir hundertprozentig sicher.
»Ich … Es tut mir leid. Ich …« Ich atmete einmal tief durch. »Es war einfach ein beschissener Tag.« Ich blickte auf und bemerkte erneut, wie scharfsinnig und analysierend sein Blick war. »Was?«, fragte ich, als ich begann, mich unter seinem Blick unwohl zu fühlen. Er war einer der wenigen Menschen, die es schafften, mich ohne Worte zu verunsichern. Dieser Mann war bestimmt ein fantastischer Anwalt. Ich wollte nicht sein Gegner sein. Weder in einem Gerichtssaal noch hier.
Er holte Luft, als wollte er mir antworten, schien es sich dann aber anders zu überlegen. Ich hörte, wie er den Atem ausstieß, dann schüttelte er nur stumm den Kopf.
Wie von allein begann mein Hirn zu rattern. Ich war Chirurgin, aber irgendwie auch Psychologin für die Patienten. Und ich war schon zu verdammt lange in dem Job. Was verbarg der Mann mit den stahlgrauen Augen, die so hart in die Welt blickten, als hätte er großes Leid gesehen?
Ich fragte nicht nach. Das würde nichts bringen. Ich kannte solche Typen. Sie waren hart, vielleicht gebrochen, und würden nicht reden. Schon gar nicht würden sie sich einer Frau anvertrauen, die sie nicht kannten. Und ich war bestimmt nicht so bescheuert zu glauben, dass es bei mir anders wäre. Oder womöglich, dass ich diejenige wäre, die ihn »retten« könnte. So naiv waren vielleicht junge Mädchen in Büchern oder Filmen, aber mit Sicherheit nicht ich, eine Frau, die mit beiden Beinen fest in ihrem Singleleben stand. Warum auch? Ich kannte diesen Mann nicht mal. Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Er war nur nett und hilfsbereit gewesen. Nichts anderes verband uns.
»Ich sollte gehen«, sagte ich und sah auf das Glas in meinen Händen. Es war noch nicht leer.
»Geht es dir besser?«
Kurz überlegte ich. »Ein bisschen.«
»Alkohol ist keine Lösung«, lamentierte er lahm.
»Doch. Für den Moment schon. Er hilft zu vergessen. Wenigstens für ein paar Stunden«, setzte ich leise hinterher und kippte mein Glas in einem Zug runter. Dann hielt ich das Glas hoch. Es war zu verlockend, noch ein paar Momente zu vergessen. »Was ist? Nehmen wir noch eine Runde«? Zuhause wartete nur die leere Wohnung auf mich. Oder Vicky, die mich mit Fragen und guten Ratschlägen bombardieren würde.
»Ja, nehmen wir noch einen. Aber dann ist Feierabend.«

 

Sawyer

»Ich könnte dir noch einen Kaffee machen.«
Alice schielte verkniffen über die Schulter, während sie versuchte, ihre Wohnungstür aufzuschließen. Doch ihre Hand schaffte es nicht auf Anhieb, das Schlüsselloch zu treffen. Ihre Finger glichen denen einer Klavierspielerin. Schlank und lang, feingliedrig und ohne Schmuck, mit kurzen, gepflegten Nägeln.
»Nein. Das ist keine so gute Idee«, lehnte ich ab. Ich kam näher, nahm ihr den Schlüssel ab, sperrte die Tür auf und öffnete sie. Dann trat ich zurück und blieb drei Schritte hinter der Schwelle stehen. »Es ist schon spät. Du gehörst ins Bett und ich sollte gehen. Ich brauche Schlaf.« Mein Job hier war erledigt. Ein Job, den ich freiwillig angenommen und zwischendurch bereut hatte. Jetzt aber war ich dankbar um die Stunden, die ich mit ihr hatte verbringen dürfen. Durch die Gespräche, durch ihr Lachen, ihre Gefühle, die sie auf der Zunge trug, hatte ich mich für ein paar Stunden wieder wie ein Mensch gefühlt. Und nicht wie der Zombie, der ich seit geraumer Zeit war.
»Schlafen kannst du, wenn du tot bist.« Sie lehnte sich in den Türrahmen und fixierte mich mit einem starren Lächeln. Ein Lächeln, das sich nur um ihren Mund herum abspielte. »Komm schon, Herr Anwalt. Ich könnte ein bisschen Gesellschaft gebrauchen.« Jetzt leckte sie sich über ihre geschwungenen Lippen. Ich knirschte mit den Zähnen. Wenn sie mich weiterhin so einladend ansah, mit ihren dunklen Augen, die so voller Lust auf ein Abenteuer waren, dann würde es mir wirklich schwerfallen, ihr zu widerstehen. Sie war heiß. Aber viel zu betrunken.
»Alice … Du bist betrunken.«
»Aber nicht so betrunken, dass ich nicht mehr gerade stehen kann. Siehst du?« Sie stieß sich vom Türrahmen ab, hob ein Bein an und wollte sich mit den Armen ausbalancieren. Der Versuch scheiterte kläglich, sie kicherte, geriet ins Wanken, stolperte rücklings in die Wohnung und stieß mit der Schulter gegen die Wand des Flurs. »Aua«, fluchte sie und rieb sich den Arm. »Aber liegen kann ich«, murmelte sie und verzog ihren Mund. »Ich kann gut liegen. Wirklich gut.«
»Das glaube ich dir aufs Wort.« Sie war sexy, wunderschön und mit Sicherheit wäre eine Nacht mit ihr nach meinem Geschmack. Aber ich war kein Arsch. Ich würde ihren Zustand nicht ausnutzen. Sie hatte mir ihr Herz ausgeschüttet, obwohl ich ein völlig Fremder für sie war. Sie hatte sogar in meiner Gegenwart geweint. Das war keine gute Grundlage für einen One-Night-Stand.
»Es wird Zeit zu gehen. Gute Nacht, Alice.« Ich wandte mich von ihr ab, auch wenn mir das schwerfiel.
»Hey, was stimmt mit mir nicht? Du bist Single, ich bin Single. Wir könnten beide etwas Abwechslung gebrauchen.« Sie verzog ihre vollen Lippen, und ihre dunklen Augen funkelten fast ein bisschen böse, als sie sich abwartend mit einem Arm an die Wand stützte.
»Du bist betrunken«, wiederholte ich möglichst abgeklärt.
»Und ich kann nicht schlafen, wenn ich betrunken bin. Also komm schon …«
»Ich gehe nicht mit betrunkenen Frauen ins Bett.« Diskutiere nie mit Betrunkenen? Zu spät.
»Aus Überzeugung oder aus Selbstschutz?«
»Geh ins Bett, Alice. Du hattest einen harten Tag.«
Sie schnaubte. »Was weißt du schon von meinem Tag?«
»Du hast mir davon erzählt, schon vergessen?«
Sie schwieg und ihre Miene verzog sich. Jetzt erinnerte sie mich an ein kleines, trotziges Mädchen, beleidigt, weil es seinen Willen nicht bekam. Sie hielt sich noch immer an der Wand fest, schien zu überlegen, welchen Weg sie wählen sollte, und ich hoffte wirklich, dass es der Weg ins Bett werden würde.
»Also, was ist nun? Schläfst du aus Überzeugung oder aus Selbstschutz nicht mit betrunkenen Frauen?«, hakte sie nach. Während sie sprach, kam sie auf mich zu, bis sie so dicht vor mir stand, dass ihr Parfüm mich angenehm in der Nase kitzelte. »Wenn es aus Überzeugung ist, dann kann ich das verstehen, aber dir auch versprechen, dass ich niemand bin, der mehr erwartet als Sex. Wenn es aus Selbstschutz ist …« Sie legte ihre Hände auf meine Brust und strich sanft darüber. »Dann kann ich dir ebenfalls versprechen, dass ich niemand bin, der mehr erwartet als Sex.« Ihre Finger bewegten sich langsamer, schoben sich unter meine Jacke und legten sich direkt auf meine Brustwarzen. Nur noch der dünne Stoff meines T-Shirts trennte ihre Haut von meiner. Ich schluckte und schloss für einen Moment die Augen, als ihr Gesicht immer näher zu kommen schien, obwohl wir uns überhaupt nicht bewegten. Zumindest glaubte ich das.
»Doktor Davis wird Sie jetzt untersuchen«, raunte sie.
»Alice, ich -« Ich wollte wirklich nicht unhöflich sein. Aber ich durfte das nicht tun. Ich musste sie stoppen, aber –
Blitzartig lag ihr Mund auf meinem und stoppte mich. Und ehe ich sie ansehen, zurückweisen, mich in irgendeiner Form wehren konnte, spürte ich ihre Zungenspitze an meiner Lippe. Drängend. Fordernd. Flehend. Ihre Hände drückten gegen meine Brust, krallten sich in den Stoff meines Hemdes, ihre Zähne knabberten an meiner Unterlippe. Und aus Reflex öffnete ich meinen Mund.
Oh Fuck! Es fühlte sich zu gut an, als dass ich sie von mir hätte schieben können. Aber ich musste!
Ich löste mich, packte ihre Schultern und drückte sie gegen die Wand. »Sorry, Doktor Davis, aber ich habe Nein gesagt.«
»Ach, komm schon! Das war gut, hör nicht auf!«, versuchte sie fast flehend, mich umzustimmen.
Die zweite Tür rechts öffnete sich wie von Zauberhand.
»Was machst du denn für einen – Oh!« Eine Schattengestalt stand im Türrahmen, eine Frau mit langen Haaren und nicht viel an.
»Sorry, Vicky. Geh wieder ins Bett. Wir sind schon still, versprochen.« Alice senkte den Blick, ohne der Frau weitere Beachtung zu schenken, die sich jetzt wieder verzog. Wer war das? Ihre Freundin? Mitbewohnerin vielleicht? Ich sollte gehen. Jetzt.
»Vicky. Wir wohnen zusammen«, erklärte Alice knapp und versuchte noch einmal, mich zu küssen.
»Stopp«, sagte ich leise. »Stopp, Alice. Stopp!« Ich hielt ihre Handgelenke fest.
»Was …?« Verwirrt sah sie mich an. Ihre Augen waren glasig, ihr Blick traurig.
Sanft hielt ich ihre Hände nach unten gedrückt. »Nicht. Das ist wirklich kein guter Zeitpunkt für Sex.«
Sie begriff, dass ich nicht einlenken würde, und versuchte, sich loszumachen. »Lass mich los!«
Ich lockerte meinen Griff und sie zog ihre Hände aus meinen.
»Ich werde jetzt gehen und du schläfst deinen Rausch aus.«
Sie stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Rausch? Lächerlich. Sag nicht, du hättest dich nicht betrunken, als …« Abrupt verstummte sie und senkte den Blick.
Ich sagte nichts darauf. Was auch? Zugeben, dass ich das alles bereits hinter mir hatte? Dass mein Rausch schon fünf Jahre dauerte? Dass es nicht einfacher wurde, wie alle sagten, sondern dass es mir jeden Tag schwerer fiel, aufzustehen und weiterzumachen? Nein. Was hätte das genützt?
»Ich werde jetzt gehen«, wiederholte ich und ließ sie los. Ihre Arme sanken hinab und ihr Blick veränderte sich, als sie mich eindringlich ansah.
»Du hast das auch schon durchgemacht.« Das war keine Frage, das war eine Feststellung.
»Ich gehe jetzt.«
»Tust du nicht.« Sie trat wieder einen Schritt näher, ohne mich aus den Augen zu lassen. »Und weißt du auch, warum nicht? Weil wir uns jetzt beide brauchen. Bis eben hatte ich keine Ahnung, warum das Schicksal uns zusammengeführt hat. Aber jetzt … Wir brauchen uns. Jetzt.« In ihren Augen stand eine Traurigkeit, wie ich sie zuvor nur an mir selbst beim Blick in den Spiegel gesehen hatte. Ja, vielleicht stimmte das, was sie sagte. Vielleicht brauchten wir uns jetzt. Vielleicht konnte Nähe helfen. Wenigstens für eine kurze Zeit.
Mit zwei Schritten war ich bei ihr und hielt ihre Finger fest, die bereits ihre Bluse aufknöpften.
»Ich habe dir gesagt, dass ich dich weder allein in einer Gasse lasse, noch über dich herfalle. Dass ich ein guter Zuhörer bin und du mir vertrauen kannst. Und deswegen werde ich jetzt gehen, Alice.«
Sie hielt inne. Ihr Blick verklärte sich. »Dein letztes Wort?«
Ich nickte. Ihr Griff lockerte sich und ich nahm ihre Hände in meine. »Es ist besser so.«

 

Alice

»Aua …«
Das dumpfe Pochen in meinem Schädel blieb. Meine Augen taten weh, sobald ich sie öffnete, und irgendwie war mir sogar ein bisschen schlecht. Es wäre vernünftiger, auf meinen Körper zu hören, die Augen geschlossen zu halten und weiterzuschlafen, bis dieser Anflug einer Migräne vorbeiging. Aber es schien schon spät zu sein, immerhin war es hell in meinem Zimmer. Vorsichtig blinzelte ich und hob den linken Arm. Mit einem halb geöffneten Auge versuchte ich, die Zeit von meiner Fitnessuhr abzulesen, aber die Zahlen verschwammen zu einem undeutlichen Flimmern. Also ließ ich den Arm wieder sinken, atmete langsam tief durch, zählte bis fünf und versuchte es noch einmal. Konzentrier dich, Davis!Noch mal blinzelte ich, sammelte Kraft, öffnete die Augen, ignorierte den stechenden Schmerz, der mir durch den Schädel schoss, und starrte auf das Display meiner Uhr. Es dauerte ein paar Atemzüge, bis ich die Zahlen erkennen konnte.
»Shit!« Der Schmerz kam plötzlich, fuhr mir wie ein Messer durch den Kopf und sorgte dafür, dass ich, noch bevor ich mich richtig aufgerichtet hatte, wieder in mich zusammensank. Und wimmerte. Scheiße! Was war denn nur mit mir los? »Das ist keine Migräne … Das ist …«
»Ein ausgewachsener Kater. Schätze ich mal. So wie du aussiehst … Ja, ein Hangover. Ein dicker, fetter -«
»Klappe«, zischte ich in die Richtung, in der ich Vicky vermutete.
»Wirfst du mich raus?«
Ich brummte irgendwas.
»Das wäre schade, ich habe hier nämlich das Heilmittel für deine Schmerzen.«
Ich streckte den Arm aus und winkte sie zu mir. Meinen Kopf hüllte ich weiterhin in Dunkelheit. Dann fühlte ich ein Glas an meinen Fingerspitzen. Langsam setzte ich es an meine Lippen und trank in kleinen Schlucken Vickys Allheilmittel. Elektrolytlösung. Es schmeckte widerlich! Aber es half. Schon wenige Minuten später merkte ich, wie die Lebensgeister wieder zurückkehrten. Langsam zwar, aber sie kamen.
»Geh duschen. Wir müssen bald los.« Vicky verließ mein Zimmer und überließ mich meinem Schicksal. Ich hatte keine Ahnung, wie ich es schaffen sollte, aus dem Bett in die Dusche und im Anschluss ins Krankenhaus zu fahren. Aber irgendwie schaffte ich es.

***

»Nur zur Info – werde ich den heißen Typen von letzter Nacht heute hier im Krankenhaus treffen? Ein Kollege?«
Eine Stunde später liefen Vicky und ich den Gang von den Umkleideräumen zur Notaufnahme entlang. Wir waren spät dran, das passierte nicht oft. Aber ein Hangover kam auch nicht so häufig vor. Durch Vickys Drink ging es mir schon wieder besser, aber zu hundert Prozent fit war ich noch nicht. Ich hoffte, dass ich mir gleich noch eine Kochsalzinfusion durch die Venen jagen konnte, bevor mein Dienst begann. Ich musste nur ein verborgenes Plätzchen finden, an dem ich mich dafür verschanzen konnte.
Ich warf ihr ein Augenrollen zu. »Habe ich jemals was mit einem Kollegen angefangen?«
Mit einem Schulterzucken biss sie in ihren Donut. Allein beim Anblick von Essen rebellierte mein Magen. Kaffee war okay, der würde mir vermutlich den Rest des Tages reichen.
»Wer ist er dann?«, hakte sie nach, als sie den Donut verputzt hatte.
Diesmal zuckte ich die Schultern. »Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung.«
»Habt ihr euch nicht wenigstens einander vorgestellt? Oder hast du einen Filmriss?«
»Womöglich beides«, gab ich zu.
»Davis, Davis …« Vicky schnalzte mit der Zunge. »Du weißt nichts mehr?« Ich schüttelte vorsichtig den Kopf. »Auch nicht, dass du mehrmals seinen Namen geschrien hast?«
Mein Kopf fuhr rum. »Scheiße! Hab ich das?« Sie nickte. »Okay. Wie … wie heißt er?«
Meine Freundin feixte spöttisch. »Du hast ihn Tiger genannt.«
»Hab ich nicht!«
Sie wackelte mit den Augenbrauen und ihr Grinsen wurde noch breiter. »Doch. Hast du. Sag bloß, du erinnerst dich nicht?«
»Oh mein Gott …« Ich schlug die Hände vors Gesicht und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich erinnerte mich tatsächlich an nichts.
»Ja, auch das hast du mehrmals geschrien. Aber das nächste Mal geht in dein Zimmer, anstatt auf dem Flur zu vögeln.«
»Was? Quatsch! Wir haben nicht … Sicher?« Zerknirscht sah ich auf.
Sie sah mich todernst an. »Süße, ich will dir ja nicht zu nahetreten, aber der Typ scheint dich mächtig beeindruckt zu haben.«
»Hört sich so an.«
Vicky drückte meine Schulter. »Siehst du ihn wieder?«
Ich lachte hysterisch auf. »Dumm ist der, der Dummes tut«, zitierte ich Forrest Gump. »Ich würde ihn nicht mal erkennen, Vicky! Weder weiß ich seinen Namen noch wie er aussieht. Ich habe keine Telefonnummer und weiß nicht, woher er kommt. Nein, natürlich sehe ich ihn nicht wieder.«
Jetzt lachte sie. »Ich weiß ja, dass du deine Prinzipien hast, was Männer angeht. Aber bei Tiger -«
»Was für Prinzipien?« Ace quetschte sich plötzlich mit seinen vollen hundert Kilo Muskelmasse zwischen uns. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören, kein Wunder, bei der Betriebsamkeit um uns herum. Je näher wir der Notaufnahme kamen, umso hektischer wurde es.
»Keine Männer an sich ranzulassen. Sex ja, Gefühle nein«, antwortete meine Freundin.
»Vic!«, zischte ich.
»Was?«
Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, den sie mit einem schiefen Grinsen abtat.
Ace grinste ebenfalls, allerdings nicht schief, sondern irgendwie wissend, und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Ich kenne dich schon ein paar Jahre, Davis. Nichts Neues für mich. Und ich kann schweigen wie ein Grab. Also? Wer ist dieser Tiger
Der Vorteil, in einem Krankenhaus zu arbeiten und seit Jahren mit denselben Kollegen zu tun zu haben: Man kannte sich.
Der Nachteil: Man kannte sich. Zu gut, wie mir in diesem Moment klar wurde.
Ace hatte mit Vicky und mir vor zehn Jahren als Assistenzarzt hier im Presbyterian angefangen. Wir hatten gemeinsam schon so einiges durchgemacht und wussten vieles, wenn auch nicht alles voneinander. Ace war in all den Jahren ebenfalls ein Freund geworden. Dennoch, vor ihm über mein Sexleben zu sprechen ging mir zu weit. Ihm offensichtlich nicht, denn er wiederholte seine Frage.
»Wer ist Tiger?« Mittlerweile hatte er sich zwischen uns durchgedrängt, vor uns gestellt und versperrte uns den Weg.
Ich seufzte. Laut und theatralisch. »Ich habe keine Ahnung. Es ist peinlich und absolut unter meiner Würde. Aber ich weiß es nicht. Ich kann mich kaum an etwas erinnern, das gestern nach Verlassen des Krankenhauses passiert ist.«
»Dissoziative Amnesie«, stellte Ace seine Diagnose.
»Quatsch!«, widersprach Vicky und stupste ihn kräftig gegen den Oberarm. »Sie hat sich betrunken. So richtig doll betrunken. Sie hat einen Kater und einen Filmriss. Alles ganz normal.«Ace lachte, nahm die letzten Meter fast im Sprung, stellte sich mit dem Rücken vor die Tür zur Notfallambulanz und sah uns an. Ich konnte sehen, wie sich einige Kollegen bereits für ankommende Patienten bereitmachten. »Als würden wir uns hier ständig besaufen bis zum Gedächtnisverlust«, lamentierte er. Gleichzeitig legten Vicky und ich den Kopf schief und sahen Ace beschwörend an. Er verstand, drehte sich um, öffnete die Tür und ließ uns vor sich reingehen, wobei er murmelte: »Ja, ist schon klar. Alles ganz normal.«
Ich verkniff mir ein Grinsen und dazu, weiter über Tiger und was es damit auf sich hatte nachzudenken, kam ich auch nicht, weil wieder mal sehr viel los war. Also keine Infusion, aber das Adrenalin reichte auch aus, um mich schlagartig wieder fit werden zu lassen.
Vicky verschwand mit einem Milzriss nach einem Autounfall in den OP, Ace schnappte sich die Appendektomie und ich kümmerte mich um den verletzten Mann, dessen Familie nach einem Zusammenstoß mit einem Lkw nur leicht verletzt worden war, während er Scherben so groß wie Schallplatten in seinem Bauchraum stecken hatte.
Die nächsten Stunden verflogen nur so, ohne dass ich Zeit hatte, einen Gedanken an den Unbekannten zu verschwenden, dem ich angeblich den Kosenamen Tiger gegeben hatte. Erst als wir die Bauchverletzung des Patienten operiert und versorgt hatten, er außer Gefahr und seine Familie bei ihm war, die Nacht hereinbrach und es in der Notaufnahme langsam etwas ruhiger wurde – erst dann hatte ich Zeit dafür.
»Pause?«
»Pause.«
Mit einem Kaffee und einem matschigen Sandwich setzten Vicky und ich uns an einen freien Tisch in der übersichtlich besetzten Cafeteria. Ärzte, Assistenten, Schwestern, Pfleger, Patienten und Angehörige – sie alle saßen hier an unterschiedlichen Tischen, in getrennten Grüppchen und hatten doch eines gemeinsam: Hoffnung. Darauf, dass der Tod sie, ihre Patienten oder ihre Lieben heute verschonen würde. Hoffnung auf Leben.
»Also? Was willst du in Bezug auf deinen Tiger unternehmen?« Sie verzog ihre roten Lippen und sah mich aus ihren großen Augen interessiert an. Ich hätte mir denken können, dass für sie das Thema noch lange nicht abgehakt war.
»Nichts. Vicky, ich habe dir gesagt, dass -«
»Auf unserem Flurboden lag heute Morgen eine Visitenkarte«, fiel sie mir ins Wort. »Entweder hat er sie verloren oder absichtlich dort platziert. Wobei ich denke, dass er dann einen besseren Platz dafür hätte finden können.«
Mein Kopf schnellte rum. Autsch! Das war keine gute Idee gewesen. »Was für eine Visitenkarte?«
»Von irgendeiner Anwaltskanzlei, keine Ahnung. Kann es sein, dass du dir einen Anwalt aufgerissen hast?«
»Anwalt? Ich …«
Ich bin Sawyer. Sawyer Lee. Sechsunddreißig, nicht auf der Suche nach einem Abenteuer, also geht keine Gefahr von mir aus. Außerdem bin ich Anwalt …
»Shit!«, stieß ich aus.
»Shit was?«
»Ich weiß es wieder. Ich weiß wieder, wer der Kerl war. Er ist tatsächlich Anwalt. Zumindest hat er das gesagt.«
»Wie ist sein Name?«
Ich schluckte. »Sawyer. Sein Name ist Sawyer Lee.«
»Sawyer? Sawyer Lee. Rarrr … Ich kenne einen Sawyer. Er ist der verdammt böse Junge in Lost, der Serie, die ich inhaliert habe. Erinnerst du dich?« Ich nickte verhalten. Ja, der Serientyp war aber blond, mein Sawyer war dunkelhaarig. »Jedenfalls hört sich sein Name genauso sexy an, wie er aussieht. Männlich. Stark. Verwegen. Wie ein … Tiger …« Sie versuchte nicht mal, ihren Spott zu verstecken.
»Woher …«, weißt du, wie er aussieht?, wollte ich fragen. Doch sie kam mir zuvor.
»Hast du vergessen, dass ihr beim Reinkommen nicht gerade leise wart und wir -«
»Nein«, stoppte ich sie abrupt und wurde blass. »Hab ich nicht vergessen. Aber ich habe ihn nicht wirklich Tiger genannt. Oder?« Vicky verzog keine Miene. »Oh Shit, ich schäme mich so.« Tiger! Oh mein Gott. Nie wieder würde ich ihm unter die Augen treten können. Gut, dass ich ihn nicht wiedersehen würde. In diese Ecke von Manhattan würde ich mich nie wieder verirren. Ich wäre wirklich am liebsten vor Scham im Boden versunken. Ich hatte Mühe, mein Herzrasen unter Kontrolle zu bekommen, und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Sofort tauchte sein Gesicht in der Dunkelheit auf. Stahlblaue Augen, ein smartes Lächeln, weiche Lippen … Hastig riss ich die Augen wieder auf.
Mit der Erinnerung an ihn waren auch die Bilder der letzten Nacht zurückgekommen. Wir waren in dieser komischen Bar was trinken gegangen, weil ich so deprimiert und am Ende gewesen war. Da musste ich mir ziemlich die Lampen ausgeschossen haben, denn alles, was danach kam, war ziemlich verschwommen. Ich konnte mich an einen Kuss erinnern. Oh mein Gott! Jetzt fiel es mir wieder ein. Ich hatte ihn in mein Bett zerren wollen und er hatte mich abblitzen lassen. Wie peinlich! Letzte Nacht … Das war eine andere Alice gewesen, eine völlig am Boden zerstörte und alles vernichtende Alice. Ich hatte eine Patientin verloren, mich betrunken und hätte am liebsten hemmungslosen Sex mit ihm gehabt. Aber ich habe nicht mit ihm im Flur gevögelt. Niemals!
Ich funkelte Vicky an. »Ich hatte nichts mit ihm. Weder auf dem Flur noch in meinem Zimmer. Wie kommst du darauf, dass ich ihn Tiger genannt habe?«
Sie zuckte mit den Schultern und schmunzelte. »War einen Versuch wert.«
»Du Biest!«, schimpfte ich halbherzig. Für mehr fehlte mir der Elan.
Aber wenigstens Vicky hatte ihren Spaß, ihre Augen leuchteten. »Und? Nachdem du nicht mit ihm in der Kiste gelandet bist – wirst du ihn wiedersehen und das nachholen?
»Nein. Werde ich nicht.«
Vicky verzog enttäuscht das Gesicht. »Was? Wieso nicht?«
»Wozu?«
Ja, dieser Sawyer wäre nicht der erste One-Night-Stand, den ich gehabt hätte. Aber er war der Erste gewesen, der mich hatte abblitzen lassen. Der Erste, dem ich vorher mein Herz ausgeschüttet und der eine Visitenkarte hinterlassen hatte. Absichtlich oder unabsichtlich – das war peinlich. Das war so verflucht peinlich! Niemals würde ich auch nur einen Blick auf seine Karte werfen, geschweige denn ihn anrufen. Ich konnte gar nicht begreifen, was ihn geritten hatte, seine Karte zu hinterlassen, nachdem ich mich ihm quasi auf den Bauch gebunden hatte. Warum war er nicht einfach für immer in der Versenkung verschwunden?
»Wirst du ihn wirklich nicht anrufen?« Neugierig, fast lauernd fixierte Vickys Blick mich, während sie an ihrem Milchshake saugte.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ganz bestimmt nicht.«
»Damit ich es auch wirklich verstehe: Warum nicht?« Sie fragte das ohne unterschwelligen Tonfall. Nicht wertend, eher analysierend.
»Weil ich ihn nicht wiedersehen will. Das Ganze ist viel zu daneben, als dass ich ihm je wieder unter die Augen treten könnte.«
»Ich denke, es ist nichts gelaufen?«
»Eben! Ich war betrunken und er hat mich abblitzen lassen. Mal ehrlich, Vic, an meiner Stelle – würdest du ihn anrufen?«
»Sicher. Und wenn es nur ist, um mich zu bedanken. Er hat dich nach Hause gebracht und die Situation nicht ausgenutzt. Ein Gentleman, wenn du mich fragst.«
Ich dachte kurz über ihre Worte nach, doch auch wenn sie mit dieser Sache recht hatte, verneinte ich.
»Du willst nicht oder du kannst nicht?«
»Vicky, du nervst.«
»Ich weiß. Also?«
Ich verdrehte die Augen und beugte mich zu ihr vor. »Ich will nicht. Wer seine Nummer hinterlässt, der will mehr. Und du weißt genau, dass ich für mehr nicht bereit bin.«
»Vielleicht hat er die Karte nur verloren? Oder möchte wissen, wie es dir geht nach deinem Absturz?«
Ich warf ihr einen strengen Blick zu.
»Du bist nicht bereit. Das ist ein Argument«, lenkte sie ein.
»Eben.« Mit verschränkten Armen lehnte ich mich im Stuhl zurück, in der Hoffnung, dass sie mich jetzt damit in Ruhe lassen würde.
Geräuschvoll schlürfte sie mit dem Strohhalm den letzten Rest des Shakes aus ihrem Becher, dann sah sie mich an. »Aber kein Gutes.«
»Ach komm schon, Vicky!«, fuhr ich auf. Ihre Seelenruhe machte mich fast aggressiv. »Du weißt doch, dass es sowieso nicht funktioniert. Man trifft sich ein paar Mal, alles ist super. Und irgendwann fangen die Vorhaltungen an. Warum hast du keine Zeit für mich? Immer versetzt du mich! Deine Patienten sind dir wichtiger …« Dann schnaubte ich. »Es ist immer dasselbe. Wir sind nun mal mit Leib und Seele Ärzte. Und nur die werden uns verstehen. Warum wohl gibt es so viel Sex in den Bereitschaftsräumen?«
Vicky erwiderte nichts auf meinen kleinen Ausbruch, aber nach einer Weile nickte sie und grinste. Ja, sie kannte das Problem. Besonders das mit den Bereitschaftsräumen. Was das anging, waren wir beide kein unbeschriebenes Blatt.
Nach einem Blick auf die Uhr stand ich auf. Für den Rest des Tages war ich für die Notaufnahme eingeteilt. Ich war froh darum, heute nicht operieren zu müssen. Der Tod des schwangeren Mädchens am Vorabend steckte mir noch immer in den Knochen. Und der Alkohol und der Schlafmangel auch.
»Versprich mir, dass du dir seine Visitenkarte wenigstens ansiehst«, hielt Vicky mich zurück.
Sie meint es nur gut. »Mal sehen«, sagte ich vage.
»Versprich es. Sonst rufe ich ihn an.«
»Er hat dir gefallen?«
Sie verschränkte die Arme und feixte. »Wie könnte der einem nicht gefallen?«

©Amy Baxter, King´s Legacy – Halt mich fest. VÖ 30.04.2020 be-ebooks / Bastei Lübbe